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10.03.10 Frauentage und Eierkartons - von Gerlinde Unverzagt
Am Montagmittag, liebe Frau Kloepfer, kam meine Tochter früher als erwartet aus der Schule – wegen des Frauentages war die letzte Unterrichterrinnenstunde ausgefallen. Plötzlich standen auch die drei anderen in der Küche und bekundeten Hunger zu haben. Und insgeheim war ich sehr stolz auf mich, mit fertig gekochtem Essen aufwarten zu können, obwohl ich heute Vormittag drei Termine, einen Artikel und zwölf Telefonate zu erledigen hatte. Ich stellte Teller, Besteck, Schüsseln und die Salzstreuerin auf den Tisch. Meine Tochter schwenkte einen Strauß Tulpen und verlangte nach einer Vase. Die ich ihr reichte, während ich die Nudeln umrührte und die Stirn runzelte, um eine Frage anzudeuten, die ich gerade nicht stellen konnte, weil ich mit dem Fußballtrainer meines Jüngsten die Modalitäten des nächsten Punktspiels am Telefon klären musste. Die Tulpen, sagte meine Tochter, seien von Konstantin, weil doch Frauentag sei. Eigentlich war nur eine für sie, aber die anderen Mädchen hätten sie nicht gewollt, deshalb habe sie alle mitgenommen.
Am Montagmorgen ganz früh habe ich auf dem Weg zum ersten Termin Radio Eins gehört, wo sie ganz ausführlich erklärt haben, was es mit dem Frauentag auf sich hat, wer ihn eingeführt (hallo!) und abgeschafft hat, und es waren die üblichen Verdächtigen. Dass es nur sieben Jahre gedauert hat, bis nach dem ersten Frauentag die Frauen auch wählen durften, fand ich ja schon immer klasse. Und ich muss sagen, das Wahlrecht für Frauen hat mich an diesem schönen Montag auch nicht weiter behindert in der langen Liste der lästigen Pflichten, die Montage wie alle anderen Tage Frauen und mutmaßlich auch Männern abzuarbeiten aufgeben. Danke dafür! Unklar ist mir noch, ob man sich da jetzt gegenseitig zu gratulieren muss, von irgendwem Blumen oder Pralinen erwarten soll oder sich jemanden wünschen muss, der die Kinder dazu anhält, unaussprechliche Dinge aus Eierkartons zu basteln. (Vom falls vorhandenen Mann in ein Restaurant eingeladen zu werden – da wäre ich ja sofort dabei.)
Vielleicht deswegen habe ich meine älteste Tochter dann gefragt, ob sie eigentlich wisse, wer Clara Zetkin war? „Nöö,“ zischte sie in Erwartung weiterer Ausführungen, „`ne Freundin von Dir?“ – „Nicht direkt“, redete ich mich raus und schlug einen ziemlich schlauen investigativ gemeinten und journalistisch inspirierten Haken, „aber warum kriegst du Blumen zum Frauentag und ich nicht?“ – „Ist vielleicht nur für schöne Frauen gedacht, der Gedenktag“, patzte sie zurück und stopfte die letzte Tulpe ins Glas. Hm. Muss ich wohl drüber nachdenken.
Dann bin ich aber doch hinter ihr hergehechtet, habe ihre Zimmertür aufgestoßen und geblafft, „weißt du eigentlich, was der Frauentag bedeutet?“ Sie hat extrem genervt, aber immerhin halblidrig von ihrem MacBook aufgeschaut, wo sie damit beschäftigt war, ihre mails bei facebook zu checken. „Nee, weiß ich nicht“, hat sie gestöhnt, „aber wenn du willst, kann ich´s googeln.“
Sie hat dann ihre kleine Schwester geschickt, die mir ausrichten sollte, dass der Frauentag vor hundert Jahren von irgendsoeiner Frau errichtet wurde. In Dänemark, England und Schweden, sprudelte die kleine Schwester dann auch noch in mein ratloses Gesicht.
Der Frauentag – ein Geschenk? Wenn das so ist, halten wir´s doch wie damals, wenn wir von ältlichen Tanten spitzenumhäkelte Taschentücher zu so aufregenden Geburtstagen wie dem vierzehnten bekamen. Man dankt artig, findet das Geschenk ausgesprochen praktisch und verstaut es im Schrank, wo man es zwei Minuten später vergessen hat. Und dann holt man es zu gegebenem Anlass wieder raus und verschenkt es weiter. Zum Beispiel in den Sudan, wo Frauen ausgepeitscht werden, wenn sie in der Öffentlichkeit Jeans tragen.
Mit schwesterlichem Schulterschluss in dieser Sache grüßt Sie herzlich,
Ihre
Gerlinde Unverzagt
08.03.10 Frauentage bringen nichts - von Inge Kloepfer
Ich frage mich, liebe Frau Unverzagt, was mir der 8. März eigentlich bringt. Ich meine dieses Datum, das vor 99 zum internationalen Frauentag ausgerufen und damit auch für mich ein Freuden- und Kampftag sein sollte. Ganz praktisch ist die Frage schnell beantwortet: Er bringt mir deutlich weniger Arbeitszeit, weil hier in Berlin die Lehrerinnen und Erzieherinnen alljährlich um 11.30 Uhr ihre Arbeit niederlegen, die Kinder nach Hause schicken und reihenweise zur Frauenversammlung ihrer Bezirke marschieren. Mit welchem Ziel auch immer. Da die überwiegende Mehrheit des pädagogischen Personals nun einmal weiblich ist, müssen die meisten Schulen am 8. März die Rollläden herunter lassen. Ohne Frauen geht eben in den Bildungseinrichtungen nicht mehr viel. So also klingeln meine Kinder kurz vor Mittag anstatt erst gegen 15 Uhr, was mir die Zeit zum Arbeiten ordentlich verkürzt.
Eine ausführliche Beantwortung der Frage danach, was der internationale Frauentag über die Jahre eigentlich wirklich bewirkt hat, erspare ich Ihnen. Dazu nur soviel: Im letzten Jahr haben 640 000 weniger Frauen full time gearbeitet als vor zehn Jahren – und das, obwohl sich der Anteil der Frauen im Erwerbsleben insgesamt erhöht hat. Die Zahl der Part-time-Jobs ist derweil um 1,13 Millionen gestiegen, die der Minijobs seit 2003 um 930 000. Immer mehr Frauen sind außerdem trotz Job auf staatliche Unterstützung angewiesen. Mehr noch: Frauen verdienen nach wie vor deutlich weniger als Männer – vor allem in Deutschland. Selbst bei gleicher Tätigkeit. Und: Die Zahl der Frauen in Führungspositionen ist wieder gesunken. Aber das wissen Sie ja längst – und nehmen diese Fakten wahrscheinlich einfach nur noch zur Kenntnis. So wie ich.
Als mehr als eine Arabesque würde ich diesen internationalen Frauentag demnach nicht bezeichnen wollen. Hübsch anzusehen und lieb gemeint. Alice Schwarzer findet ihn so oder so unnötig. „Schaffen wir ihn also endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer“, fordert die Herausgeberin der Zeitschrift „Emma“. Womöglich liegt der Grund für die ewige Malaise der Frauen mit ihrem Geld und ihren Einflussmöglichkeiten genau hier: Sie sind seit jeher auf die Gönnerhaftigkeit des anderen Geschlechts angewiesen, woran sich seit einem Jahrhundert nichts geändert hat.
Bleibt nur noch eine Frage: Was ist mit so jemandem wie uns, den Müttern, die auch arbeiten? Nun denn, mögen Sie vielleicht sagen, wir haben ja den Muttertag als unseren Ehrentag, an dem die Kinder kleine Geschenke machen, wenn es hoch kommt, den Frühstückstisch decken und der Mann, soweit vorhanden, der Familie ein Abendessen im Restaurant spendiert. Ich will nicht klagen – das alles ist wunderbar. Nur bleiben Mütter am Muttertag weiterhin im Dienst, sehen zu, dass der häusliche Laden auch des Sonntags weiter brummt und freuen sich eine Woche lang über das Tulpensträußchen auf dem Eßzimmertisch. Eine Einladung des Bezirksamts an alle Mütter ist mir dagegen bisher nicht ins Haus geflattert. Dabei wäre das mal was! Alle Mütter des Stadtteils auf einer Versammlung, Kinder und Väter allein zu Haus’. Wie amüsant…
Was die Lehrerinnen und Erzieherinnen an diesem Tag auf ihrer Versammlung wirklich treiben, was sie besprechen und welche Fragen sie womöglich zu lösen versuchen, würde ich übrigens gerne einmal wissen. Doch will es mir nie gelingen, dort „undercover“ einfach vorbeizuschauen. Denn schließlich bleibe ich zuhause und kümmere mich derweil um meine Kinder. Schon aus praktischen Erwägungen pflichte ich Alice Schwarzer also bei: Dieser Tag gehört abgeschafft.
Es grüßt Sie unverdrossen
Ihre Inge Kloepfer
02.03.10 Sündenböcke sind unglaublich praktisch - von Gerlinde Unverzagt
Wie ich diese Sozialstaatsdebatte empfinde, liebe Frau Kloepfer, haben sie mich gefragt. Und ich hätte am liebsten mit Tucholsky geantwortet: Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte. Weil sich solche Reden aber nicht gehören, versuche ich´s mal anders.
Die geistige Umnachtung, die sich nach der Lehman-Pleite zur globalen Sinnkrise ausgeweitet hat, ist bisher vor allem als mentales Problem total unterschätzt worden. Weltweit pumpten Regierungen Anstandsprinzipien, Solidaritätsappelle und freiwillige Verpflichtungen zur Fairness in die Gedankenkreisläufe und Debattierrunden, um weitere Köpfe vor dem Kollaps zu bewahren und den Einbruch der Marktnachfrage etwa nach Fairness, Bescheidenheit, Respekt und Gelassenheit abzufedern. Dieser Staatsinterventionismus, ironischerweise auch von erklärten Liberalen, publizierenden Freigeistern, hochmögenden Bedenkenträgern und diplomierten Menschenfreunden betrieben, hat in Deutschland dazu geführt, dass die Vorurteilszahlen zunächst deutlich geringer anstiegen als befürchtet. Dank der Segnungen eines „Toleranzbeschleunigungsgesetzes“ könnte man bald, so hofft die schwarzgelbe Regierung, zur souveränen Haltung zurückfinden, das epidemisch um sich greifende Neidleid eindämmen und damit die Verheerungen in Herzen und Hirnen, die der scheele Blick auf den Nachbarn nach sich zieht, in den Grenzen vertretbaren Anstands halten.
Dieser Optimismus wird nun erschüttert. Synästheten munkelten schon länger, dass Schwarz die Farbe der Trauer und Gelb die des Neides ist. Aber sie behielten ihr Wissen für sich, weil sie nicht als Spielverderber dastehen wollten. Aber auch Wissenschaftler warnen seit Jahren vor einem Dumpfbackeneffekt - dem Durchschlagen der Sinnkrise auf die Gesellschaft. Jetzt ruft der Bielefelder Konfliktexperte Wilhelm Heitmeyer Demokratiealarm aus. Es geht nämlich gar nicht um Geld. Davon haben wir alle mehr oder weniger, und alle nie genug. Mit einer Forschungsgruppe untersucht er seit 2001 in einer Langzeitstudie die innere Befindlichkeit der Republik. Sein aktueller Bericht über „Deutsche Zustände“, gerade erschienen in einem Sammelband (Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 320 Seiten) kommt zu bestürzenden Befunden. Konstatiert werden „Desintegrations- und Abwertungsprozesse“ als Folge der Krise. So hat sich der Anteil der Deutschen, die glauben, im Vergleich zu anderen benachteiligt zu sein, deutlich vergrößert. Die Konsequenz: Sie suchen nach Sündenböcken. Braucht man sie, findet man sie auch. Hat man sie gefunden, braucht man sie nicht mehr und gibt sie zum Abschuss frei. Was mit Florida-Rolf und Viagra-Kalle, mit Langzeitstudenten, Scheinasylanten, Totalverweigerern in den letzten zwanzig Jahren aufflackerte, ist längst mentale und globale Betriebstemperatur geworden – weltweit: Was für Deutschland Asylanten, die da oben, die Telekom, arbeitslose Sozialschmarotzer oder einfach die Anderen sind, ist für Polen der Bund der Vertriebenen, für die USA die Araber, die Terroristen, Michael Moore und für die arabischen Welt Amerika, Israel, dänische Karikaturisten oder schlicht der dekadente Westen – so nützlich wie die Grünen für den ADAC und Coca-Cola, Globalisierung und die BILD-Zeitung für die Alternativ-Szene. . „Menschen verlieren sukzessive die Kontrolle über die eigenen Ansichten“, warnt Heitmeyer.
Sündenböcke sind unglaublich praktisch und vielseitig verwertbar, ideale Nutztiere eben. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Und das geschieht ja auch allenthalben. Je größer das Empfinden ist, zum Opfer der Verhältnisse zu werden, desto stärker scheint auch die Bereitschaft zu einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu sein, die sich gegen „die Banker“ oder „die Amis“, „die Ausländer“ oder „die Muslime“ wendet, vermerkt Wilhelm Heitmeyer. Er hat herausgefunden, wie stark das Neidleid grassiert: Ein Drittel der Befragten meint, in Krisenzeiten könnten nicht länger die gleichen Rechte für alle Bürger gelten, gut 20 Prozent fanden, Minderheiten dürften keinen besonderen Schutz mehr erwarten. 60 Prozent vertraten gar die Auffassung, es müssten in dieser angespannten Lage bereits zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden.
Erstaunlicherweise erfolgt das Schüren von Vorurteilen und Abstempeln von Sündenböcken durch die Brandstifter in Politik und Medien gern flankierend zu steigender Arbeitslosigkeit, nachträglicher Retuschierung von Wahlschlappen und vorsorglicher Munitionierung von Wahlkämpfen, während wir, das Stimmvieh, dem ausgestreckten Zeigefinger brav folgen und die markierten Sündenböcke aus der Herde keilen. Die Ausgrenzung von Minderheiten bringen wir dann gerne mit unserem Gerechtigkeitsempfinden in Verbindung. Die Sorge vieler Menschen, ob sozialintegrative Kernnormen wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness in der Krise noch ihre Gültigkeit behalten, erklärt Heitmeyer seinen Befund, führt zum Wunsch nach Wiederbesinnung auf Werte – allerdings ausschließlich solche, die sich in Cent und Euro beziffern lassen, möchte man ergänzen. So kommt es, dass mutmaßlich gutbezahlte Redakteure grundsolider Sonntagszeitungen auf alleinerziehende Mütter, die von Hartz IV leben müssen, losgehen und ihren Kindern sogar die paar Pieselotten missgönnen, mit denen der Staat manchmal Klassenfahrten bezuschusst. Gerade wer an die prinzipielle Gerechtigkeit der Welt glaubt, neigt, falls dieser Glaube erschüttert wird, zur Abwertung der Opfer und dem Vorwurf, sie hätten ihre Probleme selbst verschuldet. Der Wunsch, das eigene Weltbild in der Krise so fest wie das eigene Portemonnaie auf dem Rummel zu halten, folgt dem resignativen Credo: Jeder kriegt, was er verdient. Was dir widerfährt, bist du wert. Jedem das seine und mir das meiste. Einen Silberstreif am Horizont hat Heitmeyers Studie dennoch ausfindig gemacht: Mit Unruhen ist nicht zu rechnen. Es gibt kein Anzeichen kollektiver Mobilisierung. Es bleibt, so Heitmeyer, bei „privater Wut“.
Ich grüße Sie herzlich,
Gerlinde Unverzagt
26.02.10 Wirklich alles Schmarotzer? - Von Inge Kloepfer
Seit nunmehr fast drei Wochen, liebe Frau Unverzagt, tobt in Deutschland eine neue Sozialstaatsdebatte. Die werden Sie sicher mit ebenso gemischten Gefühlen verfolgen wie ich. Der Grund für die Debatte ist dabei schon fast in den Hintergrund getreten: Das Verfassungsgericht hatte vom Gesetzgeber verlangt, die Hartz-IV-Sätze für Erwachsene und Kinder nun endlich einmal richtig zu berechnen. Nicht mehr und nicht weniger.
Daraus ist allerdings ein öffentlicher Streit darüber geworden, ob es sich in Deutschland zu viele Menschen allzu bequem eingerichtet haben im Sozialstaat. Und genau hier liegt das Problem. Anstatt öffentlich darüber zu debattieren, wie verhindert werden kann, dass prekäre Soziallagen in dem Ausmaß wie bisher überhaupt entstehen oder sich gar verfestigen, werden Transferempfänger – ob Arbeitslose, ob Migranten oder Alleinerziehende – unter Generalverdacht gestellt.
Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, das den Unternehmen nahe steht, beweist das Gegenteil: An der Arbeitsmoral fehlt es nicht, sondern an Arbeitsplätzen, die vor allem Geringqualifizierten angeboten werden können. Der ganz große Teil der Hartz-IV- Empfänger will arbeiten. Nur haben 50 Prozent der Hartz-IV-Empfänger keine Berufsausbildung.
Betrachtet man die immer wieder aufflammenden Debatten über die angeblich schlechte Arbeitsmoral der Transferempfänger über einen längeren Zeitraum, dann muss man feststellen, dass hier erheblich an der menschlichen Abwertung derer gearbeitet wird, die auf Unterstützung angewiesen sind. Sie werden mal in direkten Angriffen, mal subtiler zu Sozialschmarotzern degradiert. Gerade so, als könnten Transfers die Motivlage des einzelnen derart beeinflussen, dass kaum einer mehr arbeiten gehe wollte, weil es sich nicht lohnte.
Ich bin mir nicht sicher, ob diese immer wieder neu gefahrenen Attacken gegen Transferempfänger und ihre vermeintliche Bequemlichkeit nicht einem übergeordneten Ziel dienen. Denn fast könnte man meinen, hier solle die Bevölkerung mental langfristig auf die drastische Kürzung von Sozialtransfers eingestimmt werden, weil die Versicherungssysteme von der Belastung auf Dauer erdrückt werden. Vorschläge über Sätze des Arbeitslosengelds II, die eigentlich reichen müssten, hat es längst schon gegeben. Wie stimmt man ein Volk besser auf Kürzungen ein, als denen, die darauf (noch) nicht angewiesen sind, beizubringen, dass andere auf ihre Kosten feiern und faulenzen? Man schürt Ressentiments.
Gestern rief mich eine gut ausgebildete Mutter von drei Kindern an, die ihre „Brut“ allein erzieht, und machte Ihrer Empörung über die aktuelle Debatte Luft. Ich habe das Gespräch mit Ihr aufgezeichnet.
Es grüßt Sie wie immer herzlich Ihre Inge Kloepfer
Warum ärgern Sie sich über die Sozialstaatsdebatte, wie sie derzeit in Deutschland geführt wird?
Ich ärgere mich nicht über die Debatte an sich, sondern über ihre Stoßrichtung. Es ist demütigend, immer wieder zu hören und zu lesen, wir Transferempfänger seien Schmarotzer. Ich bin alleinerziehend, von Hartz-IV abhängig, versuche seit Jahren, mir etwas eigenes aufzubauen, was mit drei Kindern nicht einfach ist, und werde trotzdem in diese Ecke gestellt.
Wo ist denn der Vater der Kinder?
Der hat sich verabschiedet, schon vor Jahren. Es gelingt auch den Behörden seit Jahren nicht, ihn dazu zu bringen, Unterhalt für seine drei Kinder zu zahlen, obwohl er nachweislich verdient. Und das trotz Strafanzeige. Solche Fälle wie mich gibt es reihenweise. Männer machen sich davon, und wir alleinerziehende Frauen werden dafür verantwortlich gemacht, dass wir dann auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, mit der wir uns es angeblich bequem machen. Für mich selbst benötige ich kein Geld, aber an der Grundversorgung muss sich mein Ex-Mann sich beteiligen. Der Entzug von Kindesunterhalt ist doch kein Kavaliersdelikt.
Haben Sie mal versucht zu arbeiten?
Ja, natürlich. Vor der Geburt meiner Kinder sowieso. Derzeit habe ich einen Mini-Job für 400 Euro. Gerne würde ich den ausbauen. Aber wenn man drei Kinder hat, dann ist es wichtig, nachmittags ab 15 Uhr etwa zuhause und für die Kinder da zu sein. Sie gehen alle aufs Gymnasium. Ich will, dass sie da gut durchkommen, ihre Hobbys betreiben, ein bisschen Sport und Musik. In Süddeutschland ist das für Eltern eine Herausforderung. Auch wenn der älteste schon 15 ist. Wie also wäre das mit einem normalen Job zu vereinbaren? Wo soll ich denn die Stunden hernehmen? Da geht nur die Selbständigkeit mit freier Zeiteinteilung.
Was sagt denn das Jobcenter?
Wissen Sie, meine Fallmanagerin ist eine Mutter von zwei Kindern, die ebenfalls allein erziehend ist. Nur hat sie glücklicherweise dort eine feste Anstellung. Sie weiß, dass es fast nicht möglich ist, so jemanden wie mich zu vermitteln. Trotz meiner guten Ausbildung im Bereich Personalwesen. Sie ist froh, dass ich wenigstens einen Minijob habe und lässt mich machen. Und ich bleibe dran.
Fordern Sie mehr vom Staat?
Nein, wirklich nicht. Nur sollte er es einem einfacher machen, aus der Abhängigkeit herauszukommen. Mein Sohn spart heute schon auf seinen Führerschein. In den Ferien geht er dafür arbeiten. Aber da wir Sozialhilfe bekommen, darf er von seinem Verdienst gerade einmal 100 Euro im Monat behalten. Der Rest wird auf die Transfers angerechnet. Mit anderen Worten: Er kann schuften, wie er will, den Führerschein wird er sich nie erarbeiten können, weil durch seinen Verdienst unser Haushaltseinkommen sinkt. Und damit erfüllt er dann die Verpflichtungen seines Vaters. Vermitteln Sie einem 15jährigen so etwas einmal. Er hat mir ziemlich klar gesagt: Entweder arbeite ich schwarz, oder ich lasse es.
Aber der Sozialstaat ist an seinen Grenzen angelangt. Viel mehr geht wahrscheinlich nicht mehr.
Das sehe ich auch so. Aber es muss Chancen geben, da heraus zu kommen. Dann könnte der Staat auch sparen. Ich kann Ihnen erzählen, wie schwierig das als Alleinerziehende ist, wenn man die Kinder nachmittags nicht sich selbst überlassen will. Noch einmal: Hätte ich die Grundversorgung der Kinder über den Unterhalt abgesichert, würde mich garantiert kein Fallmanager mehr zu Gesicht bekommen. Glaube Sie mir: Da bin nicht die einzige.
14.02.10 Die Mär von den Pausen-Frauen - von Inge Kloepfer
Ein paar Tage, liebe Frau Unverzagt, ist es her, da veröffentlichte die F.A.Z. einen Leitartikel, der uns beiden sophisticated mums bestätigte, dass das Kinderkriegen und alles, was über die Jahre dazu gehört, nichts anderes als eine „Pause“ sei. „Pausen-Frauen“ wurden wir Mütter genannt. Im Ernst! Nur, weil wir angeblich deswegen keine Karriere machten. Nun will ich allerdings, was die Frankfurter Allgemeine Zeitung angeht, etwas Nachsicht walten lassen, immerhin schreibe ich selbst seit Jahren wirklich gerne für das Blatt. Doch andere hat dieser Artikel reichlich erzürnt. Die Vize-Präsidentin von FiDAR e.V. Jutta von Falkenhausen, Wirtschaftsanwältin, Mutter zweier Kinder und überhaupt sehr engagiert, schickte mir ihre Meinung mit der Anmerkung, ob das nicht doch ein Thema für die sophisticated mums sei. FiDAR (Frauen in die Aufsichtsräte e.V. www.fidar.de) ist übrigens eine inzwischen sehr einflussreiche Initiative, die darum kämpft, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Ich will Ihnen und allen anderen sophisticated mums Falkenhausens Meinung nicht vorenthalten und grüße Sie wie immer herzlich.
Ihre Inge Kloepfer
„Die Empörung ist programmiert.“ So beginnt der Leitartikel von Julia Löhr am 12. Februar im Wirtschaftsteil der FAZ. Allerdings meint sie damit wohl nicht die Empörung, die ihr Kommentar unter denjenigen – Männern und Frauen – hervorrufen dürfte, die sich für eine deutliche Erhöhung des Anteils von Frauen in den Top-Führungspositionen der Wirtschaft einsetzen. Und das übrigens weniger aus Gründen der Gleichstellung, als aus Gründen des Unternehmenswohls und des wirtschaftlichen Fortschritts.
Frau Löhr stellt die These auf, „die Frauen“ (von ihr als „Pausen-Frauen“ karikiert) seien selbst daran schuld, dass sie in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft praktisch nicht existent sind. Denn, laut Frau Löhr, machen „die Frauen“ Babypausen, betrachten ihren Beruf als Hobby und wundern sich dann, wenn die Männer in der Karriere an ihnen vorbeiziehen. So viel Unfug hätte die FAZ-Redaktion einem männlichen Redakteur nicht durchgehen lassen.
Frau Löhr beginnt mit einem vermeintlich historischen Argument. Es habe sich in den letzten Jahren viel getan: Für die Frauen um die 60 habe doch immer außer Frage gestanden, dass sie ins Heim gehörten, als treusorgende Mutter und Ehefrau. Die heutigen Berufseinsteigerinnen würden den Sprung bei richtiger Einstellung schon schaffen. Ein Hohn gegenüber den vielen Frauen der Generation um die 60, die sich in Führungspositionen der Wirtschaft, Verwaltung, als Selbständige und – leider bislang nur selten – in den Unternehmen bewährt haben und dabei in der Tat noch höhere Hürden zu überwinden hatten als es heute der Fall ist. Ein Hohn auch gegenüber der großen Anzahl von Frauen zwischen 40 und 60, die kinderlos sind (je nach Statistik zwischen 30 und 40% der Akademikerinnen dieser Altersgruppe); unfreiwillig oder freiwillig – weil für Frauen die berufliche Selbstverwirklichung mit der Geburt eines Kindes leicht ihr Ende findet. Diese Frauen arbeiten in der Regel mindestens so hart wie ihre männlichen Kollegen und machen trotzdem nur zu einem verschwindend kleinen Anteil entsprechende Karrieren.
Umgekehrt ist zu beobachten, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl von Männern ihre Karriere ein- oder mehrfach unterbrochen haben, ohne dass sich das gravierend auf ihren Erfolg ausgewirkt hat Also: daran, dass Frauen (und nur Frauen) immer Pausen einlegen, liegt es nicht, Frau Löhr! Es gibt sie nämlich leider doch die gläserne Decke. Vielleicht ist Frau Löhr zu jung, um mit ihr in Berührung gekommen zu sein. Perfiderweise ist die gläserne Decke nämlich für junge Frauen zunächst gar nicht erkennbar, wenn sie mit vollem Engagement und der (richtigen) Überzeugung, mindestens genauso gut qualifiziert zu sein wie die Männer, in den Beruf einsteigen. Erst später, oft schleichend, erfahren sie, dass sie ihre hervorragende Leistung nicht angemessen gewürdigt wird; dass sie nicht entsprechend gefördert werden; dass ihnen Netzwerke verschlossen bleiben; dass sie in der Vorstellung der männlichen Hierarchie nützliche Zuarbeiterinnen aber nicht potentielle Nachfolgerinnen sind.
Diese gläserne Decke hat viele Ursachen und zweifellos verhalten sich auch Frauen nicht immer strategisch richtig, wenn es darum geht, sich im Unternehmen zu positionieren. Aber die wesentliche Ursache sind männliche Denkmuster und Erwartungshaltungen. Eines dieser Denkmuster hat Frau Löhr sich zu Eigen gemacht: Frauen wollen die Karriere ja gar nicht. Frauen bekommen stattdessen Kinder (und das ist auch gut und richtig so). Frauen passen nicht in die harte Welt der Unternehmen, schon mangels Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Diese überholten Thesen zu lesen, von einer Frau in einer der führenden deutschen Wirtschaftszeitungen aufgewärmt, ist empörend. Ein Armutszeugnis. Gleichzeitig zeigt sich, dass in diesem Land noch viel Überzeugungsarbeit nötig ist, um die Vorurteile gegen Frauen in den Führungspositionen der Wirtschaft zu besiegen; Vorurteile, die – wie sich zeigt – längst nicht nur in männlichen Köpfen herumspuken.
10.02.10 Homeschooling ist kein Modell für heute - von Inge Kloepfer
Sie, liebe Frau Unverzagt, bringen mich, die ich eine Gegnerin des Homeschoolings bin, nun doch ein wenig ins Grübeln. Ich halte wirklich nicht viel davon, seine Kinder zuhause zu unterrichten. Schließlich sind wir im 21. Jahrhundert angekommen und leben nicht mehr zu Mozart's Zeiten. Absolut gar nichts kann ich dem Unterricht der Kinder durch deren Eltern abgewinnen, zumindest dann nicht, wenn ich dieses Modell auf mich beziehe und mir vorstelle, wie meine freiheitsliebenden „Engelchen“ sich an mir abarbeiten und ich mich an ihnen. Oh nein, das würde nicht lange gut gehen.
Ich gestehe Ihnen allerdings zu, dass der Alltag schon längst genauso aussieht. Diktate üben, lesen, schreiben, schnell ein bisschen rechnen, Tipps für das eine oder andere Referat, Vokabeln abfragen – tatsächlich ist das auch bei uns zuhause nachmittags und am Wochenende immer wieder an der Tagesordnung. Als Gegnerin des Homeschoolings praktiziere ich es eigentlich längst – zumindest schulergänzend. Anders geht es ja auch gar nicht. Denn wenn ein Kind mit einem Arbeitsplan nachhause kommt, um über drei Wochen eine umfangreiche Mappe zum Thema „deutsche Balladen“ zu erstellen, mit der Vorstellung verschiedener Dichter (Goethe, Fontane, Schiller und so weiter), mit einer Auflistung und Erklärung von Fachbegriffen und mit der Präsentation einer selbst ausgewählten und auswendig gelernten Ballade, dann frage ich mich, wo Unterricht eigentlich genau statt findet. Über Balladen selbst wurde in der Schule nämlich bisher nicht besonders ausführlich gesprochen.
Praktisch also haben Sie recht: Homeschooling findet heute schon vielfach statt – nur nicht ausschließlich, sondern eben ergänzend. Und das ist ein ziemlicher Unterschied.
In noch einem anderen Punkt gebe ich Ihnen recht: Es gibt tatsächlich effizientere Methoden, sich Wissen anzueignen, als im Klassenverband in einer Schulbank. Der Gedanke kam mir, als ich am Dienstagabend „Menschen bei Maischberger“ schaute und einem Ehepaar zuhörte, das sich ganz der schulischen Erziehung seiner sieben Kinder verschrieben hat – vor allem wohl aus christlichen Gründen. Ja, es ist so: Ohne Ablenkung, ohne äußere Einflüsse, ohne schulischen Sozialstress lernen Kinder sehr viel schneller. Effizienzorientiert, wie ich nun einmal bin, würde mir das sogar gefallen, wenn ich, wie früher, einen Hauslehrer engagieren könnte, der meine Kinder allesamt durch den Kanon paukt, um sie bereits mit 15 auf den Wissensstand eines Abiturienten zu hieven. Keine Frage: So etwas geht.
Und trotzdem würde ich auf die Schule und auf die Schulpflicht nicht verzichten wollen. Denn ist es nicht so, dass man in der Schule mehr fürs Leben lernt als ausschließlich in den eigenen vier Wänden? Ist nicht gerade die Vielfalt der Menschen, mit denen man es zutun hat, das, was Kreativität zutage fördern kann? Ist es sinnvoll, seinen Kindern die Ansichten engagierter und guter Lehrer vorzuenthalten, die ihnen vielleicht eine andere Perspektive auf die Dinge des Lebens eröffnen, als die, die sie von zuhause kennen?
Ich glaube, dass die Schule, bei aller Kritik, viel Gutes bewirkt und in der Regel eine ordentliche Vorbereitung der lieben Kleinen auf das Leben mit sich bringt. Machen wir die Institution also nicht schlechter als sie ist und uns Eltern nicht schwächer, als wir sind. Denn wer sich, wie das Ehepaar, das da nett anzusehen auf dem Sofa bei Sandra Maischberger saß, um die „verderblichen“ Einflüsse der Welt draußen auf seine Kinder sorgt, der hat wenig Vertrauen in sich selbst. Ich stelle jedenfalls fest, dass ich in der Auseinandersetzung mit meinen Kindern über Dinge, die sie in der Schule erfahren und die mir nicht gefallen, mehr Einfluss geltend machen kann, als wenn sie den ganzen Tag zuhause zubrächten. Sie liebe Frau Unverzagt und auch der von Ihnen zitierte Erziehungswissenschaftler Ladenthin haben mich also noch nicht wirklich überzeugt.
Sollte allerdings eine echte Homeschooling-Bewegung in Deutschland entstehen und diese die Debatte um die Verbesserung unsere zugegebener Maßen vielfach verbesserungswürdigen Bildungseinrichtungen weiter beflügeln, dann würde ich mich dieser Bewegung womöglich sogar anschließen - der Schule zuliebe!
Und noch eines: Zeit, Ihnen auf Ihre Überlegung zu antworten, habe ich übrigens, weil meine Kinder gerade in der Schule sind. Sie nehmen just in diesem Momant an einem Zirkusprojekt teil. So grüße ich Sie herzlich,
Ihre Inge Kloepfer
04.02.10 Amerika: Die Rettung vor der Schulpflicht - von Gerlinde Unverzagt
Was, liebe Frau Kloepfer, halten Sie eigentlich davon: Letzte Woche hat eine deutsche Familie in den USA politisches Asyl erhalten, weil die Eltern ihre fünf Kinder zu Hause unterrichten und nicht der deutschen Schulpflicht unterwerfen wollen. Nach jahrelangem Behördenstreit sind sie vor zwei Jahren nach Amerika ausgewandert, und dürfen da jetzt auch bleiben, um nach ihrer Facon selig zu werden. Dass grundlegende Menschenrechte wie zum Beispiel das Recht der Eltern, über Erziehung und Ausbildung der Kinder zu bestimmen, in Deutschland verletzt werden, hat der Richter in seiner Urteilsbegründung angeführt.
Klar, es gibt gute Gründe, die Kinder in die Schule zu schicken. Wir müssen arbeiten – da entlastet die Schule doch ganz schön, denn von acht bis zwei, drei Uhr wissen wir sie beaufsichtigt, haben wir sie aus dem Haus und von der Straße. Und wenn alles gut geht, lernen sie ja auch etwas Vernünftiges. Doch angesichts der rund 90 000 Jugendlichen, die jedes Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen, der Viertelmillion Sitzenbleiber im Jahr, der grassierenden Schulmüdigkeit bei Kindern und der großen Unzufriedenheit der Eltern ist offensichtlich, dass es nicht zum Besten steht mit den Schulen: Unterrichtsausfall in Millionenhöhe, Lehrermangel allenthalben, Mobbing, Stress und Konflikte im Klassenzimmer und auf dem Schulhof sind unerfreuliche Aspekte des Schulalltags, die immer mehr Eltern nach Alternativen suchen lassen. Privatschulen, das hat sich herumgesprochen, sind nicht für jeden Geldbeutel erschwinglich. Der Unterricht zu Hause wäre da doch eine prima Alternative? Wenigstens den Stoff der Grundschule darf man sich doch wohl noch zutrauen…
Leider ist das in Deutschland verboten, wer´s trotzdem versucht, riskiert, dass die Polizei im Morgengrauen an der Tür klopft und die Kinder in die Schule schleift. Hohe Geldbußen bis hin zum Entzug des Sorgerechts, sogar Haftstrafen drohen Eltern, die sich der Schulpflicht verweigern.
Dabei haben wir den Hausunterricht doch längst. Flächendeckend, nicht ganz aus freien Stücken und total legal – in Gestalt eines Schulsystems, das sich auf die Mithilfe der Eltern verlässt, ja sie geradezu einfordert. Eltern füttern Klassenkassen, finanzieren Klassenreisen, kaufen Bücher und andere Lernmittel, bezahlen Nachhilfestunden, renovieren Klassenzimmer, begrünen Schulhöfe und bestücken die Kuchenbuffets beim Sommerfest. Jahrelang kümmern sich Eltern um die Hausaufgaben, ermuntern und zwingen zum Füllen klaffender Wissenslücken. Sie erklären, fragen ab, üben, motivieren, fördern gezielt da, wo die Schule das nicht tut, und finanzieren, was die Schule nicht bringt. Wie viele Eltern können von diesem tagtäglichen unfreiwilligen häuslichen Unterricht ein Lied singen? Im Chor der Unzufriedenen werden neuerdings Stimmen laut, die es satt haben, nachmittags zu reparieren, was vormittags in der Schule schief läuft. Denn wenn die Dinge so liegen, könnte man es schließlich auch gleich richtig machen.
Außerhalb Deutschlands geht das leicht: Andere europäische Länder haben eine Bildungspflicht, die lediglich danach fragt, ob ein Kind bestimmte Stufen des Bildungserwerbs erklommen hat. Wo und wie das passiert, wird den kleinen Dänen, Engländern, Franzosen, Kanadiern und Amerikanern und ihren Eltern überlassen. Rund drei Prozent aller englischsprachigen Schüler lernen ausschließlich zu Hause. Sogar Russland, ansonsten liberaler Tendenzen eher unverdächtig, gewährt seit 1991 Bildungsfreiheit und verzichtet auf den Zwang zum Schulbesuch. Ich übersetze das mal so: Wenn die Welt untergehen sollte, gehen wir am besten sofort in die nächste Schule, weil da alles hundert Jahre später passiert.
Bei uns hingegen gilt die Schulpflicht, die zum Besuch der Schule zwingt, ohne je zu hinterfragen, ob es sich um eine sinnvolle Veranstaltung handelt. Wer würde da überhaupt brav jeden Morgen hin dackeln, wenn er es freiwillig tun dürfte? Warum gehen so viele Kinder in Deutschland zur Schule wie zum Zahnarzt?
Es gehe dem deutschen Staat lediglich darum, kommentierte Mike Donnelly, der Anwalt der Auswanderer, „ideologische Konformität zu erzwingen“. Das wecke „beängstigende Erinnerungen an die Vergangenheit.“ So sieht das von Amerika gesehen aus und – ganz falsch liegt der amerikanische Anwalt mit dieser Einschätzung nicht. Die Schulpflicht ist zwar eine preußische Erfindung aus dem 18. Jahrhundert. Doch in ihrer gegenwärtigen Form stammt sie aus dem Reichsschulpflichtgesetz, das die Herren Hitler und Rust am 6.Juli 1938 unterzeichneten und die Bundesländer nach Gründung der Republik in die Länderverfassungen einfach übernommen haben. „Im deutschen Reich besteht allgemeine Schulpflicht. Sie sichert die Erziehung und Unterweisung der deutschen Jugend im Geist des Nationalsozialismus. Ihr sind alle Kinder und Jugendlichen deutscher Staatsangehörigkeit unterworfen, die im Inlande ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben.“ Und: „Die Schulpflicht ist durch den Besuch einer reichsdeutschen Schule zu erfüllen.“
Bildungspolitiker, Schulsenatoren, Kultusminister und andere sensible Naturen müssen jetzt sehr tapfer sein. Die Frage sei erlaubt: Könnte es sein, dass die Schule nicht der allein selig machende Bildungsweg ist? Mit Volker Ladenthin, Erziehungswissenschaftler an der Uni Bonn, habe ich darüber gesprochen. Es muss doch was dran sein, wenn Eltern so viel auf sich nehmen, weil sie wollen, was alle Eltern wollen: für ihre Kinder das Beste.
Schauen Sie mal in das Interview!
Herzliche Grüße,
Gerlinde Unverzagt
Was bewegt Eltern, ihre Kinder zu Hause selbst zu unterrichten?
Die Sorge um ihre Kinder – darüber, dass das Schulsystem nicht die Qualität bietet, die sie sich für ihre Kinder wünschen. Einige Eltern sehen im homeschooling eine bessere pädagogische Qualität. Einige lehnen für ihre Kinder das Massenschulsystem mit übergroßen Klassen, riesengroßen Schulen, standardisiertem und „kompetenzorientiertem“ Unterricht ab. Manche haben religiöse Motive und einige haben Kinder mit physischer oder psychischer Beeinträchtigung und möchten diese Kinder schützen.
Wie kann man sicherstellen, dass die Kinder bei ihren Eltern auch Rechnen, Schreiben und Lesen lernen?
Gar nicht. Es soll vier Millionen Analphabeten in Deutschland geben. Da hat auch die Schule etwas nicht „sicherstellen“ können. Lernen kann man nur freiwillig, nie mit Zwang. Wenn Kinder nicht lernen wollen, dann lernen sie nichts – egal wo.
Wie klappt der Übergang in die Schule?
So wie auch im Schulsystem: Das hängt davon ab, wie gut die Vorarbeit war, also wie gut Eltern gearbeitet haben.
Entgeht den Kindern nicht eine wichtige Erfahrung, wenn sie nicht lernen müssen, sich im Klassenverband zu behaupten?
Den Kindern in der Schule entgeht ja auch die Erfahrung, in einem genau zu ihnen passenden Unterricht zu lernen. Stressfrei zu lernen, angstfrei, selbstbestimmt. Und das Durchsetzungsvermögen lernt man auch bei Sport und Spiel und schlichtweg auf der Straße. Die Kinder werden ja nicht isoliert – sondern sind nur länger mit ihren Eltern zusammen.
Gegner des privaten Hausunterrichts sprechen über die Gefahr, dass religiöse Familien sich abkapseln und ihre Kinder isolieren könnten. Schnell ist von der Parallelgesellschaft die Rede. Was ist dran an diesem Argument?
Wir leben doch längst in Parallelgesellschaften. Warum haben wir Angst vor Differenz? Es gibt religiöse und a-religiöse Auffassungen, die ich nicht nachvollziehen kann. Und ich bedauere die Kinder, die in diesen Welten eingeschlossen leben. Aber zwingt man deshalb den einen zur religiösen Neutralität – oder den anderen zur Religion? Wir Menschen sind nun mal bunt. Eine Gesellschaft wird nicht durch die zerstört, die sehr verantwortungsvoll, ehrlich und mit viel Mehrarbeit ein sinnvolles Leben suchen. Eine Gesellschaft wird eher durch die zerstört, die andere zu ihrem Glück zwingen wollen.
Ist homeschooling die Lösung für die vielen Mängel unserer Schulen, die den Kindern und ihren Eltern das Leben schwer machen?
Homeschooling ist ein möglicher Weg, wenn es bestimmten Ansprüchen genügt. Für manche Kinder ist es die beste Lösung. Wenn die Eltern aufzeigen, was sie machen, wie sie es machen und welchen Erfolg sie haben, dann entsteht hier eine echte Alternative. Nur muss der Staat die Eltern auch machen lassen! Und nicht mit Verboten einschüchtern. Wir brauchen keine Schule für alle, sondern Bildung für jeden. Und da jeder anders ist, brauchen wir ganz viele Angebote. Homeschooling kann ein solches Angebot sein. Wenn es gut gemacht wird.
25.01.10 Den Töchtern sagen wir es nicht - von Gerlinde Unverzagt
Ein Vorschlag zur Güte, liebe Frau Kloepfer, wir sagen´s unseren Töchtern erstmal gar nicht. Böse Wahrheiten aus anderen Bereichen wie dem Familienleben oder dem Ehestand ersparen wir ihnen ja auch, um sie nicht vor der Zeit zu verschrecken. Machen wir weiter wie bisher – das Beste hoffen, mit dem Schlimmsten rechnen und schon mal ein, zwei Antworten parat legen, wenn sie eines Tages fragen sollten, wieso es keine Frauen in den Chefetagen gibt. Damit hätten wir einen kleinen Vorsprung gewonnen, um über Gegenwehr nachzusinnen: am besten bevor uns die Ökonomen vorrechnen, dass es sich nicht lohnt, ein Mädchen auf die Uni zu schicken, weil es ja doch heiratet.
Bliebe die pragmatische Idee einer Frauenquote. So schlecht wäre das nicht, und in vielen Institutionen hat das ja auch dazu geführt, dass die selbstherrlichen Krawatten-Hugos beim Bestimmen nicht mehr nur unter sich sind. Allerdings würde ich dafür auch keine Plastiktüte anziehen, zur Trillerpfeife greifen, das Transparent entrollen und im schwesterlichen Schulterschluss die Hälfte des Himmels fordern. Auch würde mich als Vorstandsvorsitzende der Gedanke stören, meinen Posten einer Quote zu verdanken und nicht dem schönsten aller Gründe – der eigenen Leistung. Das eine schließt das andere nicht aus, ich weiß, aber es lässt sich in meiner Sicht auch nicht so ganz präzise trennen.
Vielleicht versuchen wir den Tom-Sawyer-Trick und machen den Männern weis, dass es unglaublich toll ist, einen Teilzeitjob zu haben, auf die Kinder aufzupassen, weniger Geld zu verdienen, keinen Konzern zu lenken und nicht den lieben langen Tag wichtige Entscheidungen zu treffen. Dann fänden sie ein Frauenleben viel spannender und würden freiwillig das Feld da oben räumen.
Überspringen wir mal die ketzerische Idee, dass Frauen deshalb nicht führen, weil sie das gar nicht wollen. Dass etwas passieren muss, wenn der Anteil von Frauen in Führungspositionen nicht unter die Nachweisgrenze sinken soll, beschreiben Sie in klugen Worten und nüchternen Zahlen und ich teile Ihre Betrübnis über diese ungute Entwicklung. Doch da sehe ich noch andere Fragen lauern: Was würde sich eigentlich ändern, wenn mehr Frauen in Führungsetagen siedeln würden? Also für wen, außer den fraglichen Frauen selbst, würde sich Entscheidendes verbessern? Welche Hoffnungen verbinden wir eigentlich mit dem Bedauern über das Verschwinden der Frauen? Hätten wir weniger Kriege, weniger Hunger und weniger Kohlendioxid auf diesem Planeten, wenn mehr Frauen dessen Geschicke lenkten?
Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Frauen, wenn sie sich anstrengen, genauso blöd wie Männer sein können. Was man beispielsweise daran erkennt, dass eine erwerbstätige Frau ihrem erwerbslosen Hausmann manchmal seine politischen Ansichten schon deshalb verübelt, weil sie die Zeitung bezahlt, aus der er sich seine Meinung zu bilden pflegt.
Ich finde, wir müssen genauer werden: Was wollen wir, wenn wir sagen, dass wir mehr Frauen in Führungspositionen wollen? Rollenvorbilder sind für mich ein guter Grund, das zu wollen. Meine jüngere Tochter hing lange dem Berufwunsch an, Bestimmerin von der Ostsee zu werden. Dann kam die vorletzte Bundestagswahl. Seit dem fühlt sie sich zur künftigen Bundeskanzlerin berufen. Ich jedenfalls werde ihr das bestimmt nicht ausreden!
Herzliche Grüße,
Gerlinde Unverzagt
23.01.10 Deutschland ewig Männerland - von Inge Kloepfer
Deutschland ist und bleibt, liebe Frau Unverzagt, ein Männerland. Ach was! Es wird immer mehr dazu. Inzwischen ist nämlich der Anteil der Frauen in den Führungsgremien der 100 größten deutschen Unternehmen unter die Marke von einem (in Zahlen: 1) Prozent gesunken. Das sind genau 4 von 441 Damen auf Vorstandsetagen, die nicht das Vorzimmer verwalten, sondern selbst etwas zu sagen und zu entscheiden haben. Es waren mal mehr, doch das ist offenbar schon wieder Vergangenheit.
Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit der Wissenschaftlerin Elke Holst vom Wirtschaftsforschungsinstitut DIW in Berlin, die sich immerhin alljährlich die Mühe macht, diese Zahlen nachzuhalten. Sie rief mir noch zwei andere bemerkenswerte Daten zu. Nämlich, dass in den Vorständen der Top-50 Unternehmen nur noch eine Frau sitzt: Barbara Kux, die wie schon im Vorjahr das Supply Chain Management bei Siemens (Rang 4 der nach dem Umsatz größten Unternehmen) leitet. Und ebenso wie im Vorjahr nimmt nur in einem der 200 größten Unternehmen eine Frau den Vorstandsvorsitz ein: Petra Hesser bei IKEA Deutschland (Rang 198). Ich finde das äußerst bedauerlich.
Wenn das so weitergeht, dann wird sich irgendwann überhaupt keine Frau mehr in den obersten Führungsgremien wiederfinden, weil alle jungen, nachrückenden Frauen mangels Rollenvorbildern so oder so schon vorher das Handtuch werfen, anstatt beherzt ins Haifischbecken zu springen und es mit ihren männlichen Kollegen aufzunehmen. Das nämlich könnten sie längst, so wie sie ausgebildet sind. Es könnte sogar noch übler kommen. Irgendwann in einer der nächsten Generationen dann werden sich die Mütter und Väter oder auch die Mädchen selbst fragen, warum sie sich noch so lang strecken sollten, so fleißig studieren und büffeln, nur damit sie einen Teilzeitjob erhaschen oder irgendwo im Getriebe eines Unternehmens auf mittlerer Hierarchiestufe zerrieben werden. Spätestens dann werden auch die Spar-Ökonomen wieder auf der Matte stehen, nach der Rendite der Bildungsinvestitionen fragen und feststellen, dass die Hälfte des Geldes, nämlich das, welches den Mädchen und jungen Frauen zugute kommt, verschwendet ist. Schließlich lässt sich die teure Ausbildung auf Kosten des Steuerzahlers nicht ausreichend in Beiträge zur Wertschöpfung umsetzen und damit natürlich auch nicht rechtfertigen. Denken Sie ökonomisch logisch weiter, und malen Sie sich die Folgen für unsere Töchter und unsre Enkelinnen besser nicht aus, liebe Kollegin.
Betrüblich stimmt mich die Entwicklung auch noch aus einem anderen Grund. Und der betrifft die Glaubwürdigkeit der Menschen, die Macht und Entscheidungsbefugnisse in diesem Land auf sich vereinen. Die nämlich haben sich schon vor knapp einer Dekade dazu verpflichtet, für mehr Frauen in den Führungsetagen zu sorgen. Die meisten von diesen Selbstverpflichtern dürften wohl Männer gewesen sein, denen es mit ihren Versprechungen natürlich alles andere als ernst gewesen sein muss. Man muss die Mächtigen eben an ihrem Handeln und nicht an ihren Worten messen.
Ich jedenfalls tendiere nicht dazu, den Frauen aus dieser unerfreulichen Entwicklung einen Strick zu drehen und ihnen vorzuwerfen, sie seien gar nicht bereit, für Führungsposistionen ins Rennen zu gehen. Aus welchen Gründen auch immer. Inzwischen ist es nämlich Mode, den Frauen selbst diese unerwünschte Entwicklung zuzuschreiben und nicht mehr jenen Männerriegen, die immer noch über Frauenkompetenzen und Frauenkarrieren entscheiden.
Dazu nur noch eines: Den Grund für die ernüchternde Bilanz nach 10 Jahren Selbstverpflichtung hat unlängst eine Studie im Auftrag des Bundesfamilien- und –frauenministeriums zutage gefördert. Offenbar regieren nämlich in deutschen Chefetagen eine Mischung aus konservativen Rollenvorstellungen, Stereotypen in Bezug auf die Eignung von Frauen für Spitzenpositionen sowie die Ansicht, es gebe zu wenige karriereorientierte Frauen. Das Ergebnis dieser Mentalitätsmuster lässt sich platt formuliern: Voraussetzung, um ganz nach oben zu kommen, ist es offenbar immer noch, keine Frau zu sein.
Bleibt uns beiden, liebe Frau Unverzagt, nur noch die Frage: Wie sagen wir es unseren Töchtern?
Ihre Inge Kloepfer
16.01.10 Da mogeln auch die Zeugen - von Gerlinde Unverzagt
Selbst auf die Gefahr hin, Sie jetzt zu langweilen, liebe Frau Kloepfer – ich seh´ die Sache mit den Models genauso und sitze hier wie ein Wackeldackel, während ich Ihre Zeilen lese. Vielleicht auch, weil ich Töchter habe, die nach Töchterart und altersgemäß anfällig für Model-Messages sind. Und mir geht das Messer in der Tasche auf bei diesem Thema. Vor drei Jahren saß eines meiner (übrigens unauffällig proportionierten) Mädchen weinend in der Ankleidekabine bei Esprit, weil auch die dritte Jeans nicht passte, und dann ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe mir eine Verkäuferin gegriffen und sie angeschrieen, ob sie auch was für Frauen haben oder nur was für Barbiepuppen. Und dass ich Sie persönlich und den ganzen Laden obendrein dafür zur Verantwortung ziehe, dass meine Tochter jetzt weint – nur weil ein dämlicher Klamottenkonzern, der sich auch noch mit einem geistreichen Namen schmückt, offenbar keine Ahnung hat, was der Unterschied zwischen einer Bohnenstange und einer Frau ist. Und dass sie, wenn sie Puppenkleider verkaufen wollen, gefälligst „Spielwarenhandlung“ auf´s Schild schreiben sollen, anstatt junge Mädchen, diese wunderbaren Wesen, unglücklich zu machen. Meiner Tochter war das sehr peinlich, aber die Verkäuferin (Jeans-Größe Zero) hat nur einmal geschluckt und dann die richtigen Größen rausgesucht. An der Kasse sagte sie zu meiner inzwischen kaum noch schniefenden und wieder strahlenden Tochter: „Ich wünschte, meine Mama hätte auch einmal für mich so rumgebrüllt“.
Ich will nicht angeben. Ich will nur sagen, dass wir unseren Töchtern zeigen müssen, wie man aufbegehrt und diesem ganzen verlautbarten Körperfaschismus die kalte Schulter zeigt. Weil wir nämlich wissen, dass es im Leben eher weniger auf flache Bäuche ankommt!!!
Was man von den bekennenden Damen in der Heftmitte der fraglichen BRIGITTE-ohne-Models definitiv nicht lernen kann: Wunderbare Idee, findet die eigentlich doch sonst gar nicht so unbegabte Schriftstellerin. Gratulation von der Landwirtschaftsministerin, die einen ersten Schritt zu mehr Gelassenheit (hä?) in diesem PR-Gag erkennt. Klasse Idee, applaudiert die Bischöfin, zweifellos beruflich schon mal kein fashion victim und irgendwie dennoch berufen daran erinnernd, dass Frauen dick und dünn, groß und klein geschaffen wurden – klar, von dem Herrn, der über uns wohnt. Danke! Geht ja nur um Ausstrahlung, und die gibt´s von XS bis XL.
Dass Frauen nicht aussehen wollen wir Abziehbilder, hat jetzt offenbar sogar die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes gemerkt. (Die anderorts bekundet, in schlechten Zähnen von Kindern Bildungsferne, Migrationshintergrund und Elternversagen erkennen zu können. Sorry, ich schweife ab.) Und dass Models nicht zum Nacheifern, sondern zum Träumen gemacht werden, hat nur die Filmproduzentin geschnallt. Sehr leise und subkutan angemahnt, dass Haute Couture, künftig von pickeligen, faltigen, kartoffelförmigen Krampfader-Geschwadern dargestellt, jetzt auch nicht soooo cool wäre. Doch so weit geht der BRIGITTE-Mimikry ja gar nicht. Selbst die RBB-Intendantin outet sich –gefühlt- schon immer von der BRIGITTE begleitet und intoniert leise Adorno, während sie allegro feiert, dass die Hungerhaken von der Bildfläche endlich verschwinden sollen.
Dass es kein richtiges Leben im falschen gibt, ist eine Einsicht, die weiter reicht als zu Kritik-Scharaden. Vorgeblich ganz normale Frauen, die keine models sind, aber aussehen wie models, zeigen nur, was Stylisten heute alles so drauf haben: Aus jedem Arsch, pardon, kann man ein Gesicht machen. Wobei die abfotografierten und textiltragenden Damen wirklich natürlich sehr ansehnlich sind. Der einzige Unterschied zu den professionellen Kleiderständern darin besteht, dass pittoreske Texttröpfchen unter die Fotos getröpfelt sind und es dieserhalb ein wenig mehr menschelt als modelt. Da erfährt man mal, dass fragliche Dame in Island singt oder in Hamburg ein Restaurant leitet. Was man halt so macht. Falls man das jetzt unbedingt wissen muss, um ein Outfit cool zu finden. Und Falten hat sie, die isländische Dame. Ja, wie cool ist das denn! Darf man dazu jetzt stehen? Wow. Da werde ich morgen früh beim Zähneputzen doch gleich wieder mögen, was ich da sehe.
Aber ich, liebe Frau Kloepfer, habe ja sowieso keine Ahnung. Finden jedenfalls meine Töchter. Weil neulich eine sagte, dass ich wahrscheinlich auch glaube, Brad Pitt sei eine gefährliche Hunderasse, lese ich beim Friseur neuerdings absichtlich nie wieder BRIGITTE, sondern eisern „Gala“. Obwohl – Textlastigkeit war immer die Stärke vom vermeintlichen Augentierchenmagazin BRIGITTE. Die Reportagen sind durchweg klasse. Dass Mädchen lieber schön sein wollen als klug, weil Männer besser sehen können als denken – das haben wir uns zum Trost seinerzeit ins Poesie-Album geschrieben. Vielleicht könnten wir uns demnächst und ab und an mal eine BRIGITTE teilen und erst in der Mitte loslesen?
Herzlich, Gerlinde Unverzagt
Kommentar des Tages
Politik und Ernst
Es ist ziemlich wurscht, ob man den Politikstil von Außenminister Guido Westerwelle gut findet, oder den der nordrhein-westfälischen SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft lieber mag. Das wirkliche Problem der aktuellen Hartz-IV-Debatte ist mangelnde Ernsthaftigkeit. Keiner derjenigen, die jetzt über Arbeitspflichten für Stütze-Empfänger diskutieren, will in diesem Punkt die Gesetzgebung grundlegend ändern. Warum auch?
[>]Ein Kommentar von:
Ursula Weidenfeld
www.das-tut-man-nicht.de
Wenn man Mutter wird, kriegt man´s nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Vätern zu tun. Und die ganze Gesellschaft kommentiert. Deshalb zucken wir schuldbewusst zusammen, wenn mal wieder im Fernsehen oder in der Zeitung von multiplem Versagen moderner Mütter die Rede ist. Außer den Kindern selbst scheint niemand allzu viel von Müttern zu halten.