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23.09.12 Unterschicht ist nicht überall - von Inge Kloepfer

Fragt mich meine Tochter (12), warum derzeit so viel die Rede davon sei, dass Multikulti gescheitert ist. Ich berichte ihr von Herrn Buschkowsky, dem landauf landab bekannten Neuköllner Bürgermeister, der mit dieser, seiner alten neuen Knaller-These wieder einmal durch die Lande zieht. Und sage ihr, das Multikulti von Multikulturalismus kommt, was wiederum nichts anderes heißt, als dass man kulturelle Unterschiede anerkennt und zulässt. "Aber Neukölln ist auch nicht gerade ein angenehmer Bezirk", gibt sie vorsichtig zurück und meint: "Türken, Araber, Ghetto". Ich mache sie auf ihre eigene Schule, ein ganz normales Gymnasium, aufmerksam: Viele Sprachen, viele Kinder mit Migrationshintergrund - aus der Türkei, aus dem nahen Osten, aus Polen, aus Russland, Spanien und und und. Auf den Elternabenden trifft man Mütter mit Kopftuch. Auch das, sage ich ihr, sei Multikulti. "Und was ist hier gescheitert?", fragt sie. Nichts natürlich. Es funktioniert - so wie überall in Deutschland. Und dann erkläre ich ihr meine These: Es ist nicht die ethnische Herkunft der Menschen, die einen Stadtteil zum Kippen bringt, sondern ihre soziale Schicht. Relativ arm, bildungsfern, chancenlos. Buschkowsky sollte nicht vom Scheitern des Multikulti reden, sondern von den Schwierigkeiten, mit einer sich verfestigenden Unterschicht umzugehen. Das wäre ehrlicher. Gott sei Dank ist die nicht überall. 

30.05.12 Strukturell familienfeindlich - von Inge Kloepfer

Jeder weiß: Der Kapitalismus ist strukturell familienfeindlich. Vordergründig zumindest. Warum? Weil dieses auf Eigennutz und Selbstverwirklichung ausgerichtete Steuerungsprinzip den Grundvoraussetzungen des Funktionierens von Familien diamentral entgegen läuft. In Familien geht es nicht um Mobilität und Flexibilität und um den höchsten eigenen Nutzen, sondern um Verlässlichkeit, Stabilität und vor allem Zeit, mit der man für die anderen immer wieder geradezu verschwenderisch umgehen muss. Das Ergebnis ist unübersehbar - zumindest hierzulande: Junge Menschen fassen das Thema Kinder nur noch mit spitzen Fingern an. Es gibt zu wenig Nachwuchs.

Sollte man den Kapitalismus deshalb abschaffen? Nein. Denn er ist ausgesprochen lernfähig. Wenn der Marktwirtschaft der Nachwuchs ausgeht, erledigt sie sich selbst. Ihre Akteure also werden erfinderisch - so wie unlängst in den Chemie-Konzernen. Hier dürfen Eltern bei vollem Lohn weniger arbeiten als Kinderlose, die mehr Einsatz bringen und damit für die Elternphase vorbauen. Eine kluge Idee in später Einsicht, die - aufrichtig von Arbeitgebern propagiert - mehr bringen könnte als alle 150 familienpolitischen Leistungen zusammen. 

09.05.12 Holt die Powerfrauen zurück - von Inge Kloepfer

Diese kleine Geburtstagsfeier würde das Herz einer jeden Feministin höher schlagen lassen. In einem Garten außerhalb Berlins sitzen acht Frauen. Sie haben sich zum Tee getroffen mit Sekt und Kuchen und plaudern über die Euro-Krise, die französische Präsidentschaftswahl, über ihre Jobs. Diese acht Frauen im Alter zwischen 45 und 55 sind alle sehr gut ausgebildet, haben Jura, Ökonomie oder Architektur studiert. Einige von ihnen sind promoviert. Sie sind berufstätig und unübersehbar selbstbewusst - Frauen von just dem Kaliber, das die leidige Debatte um Frauen in Führungspositionen obsolet erscheinen ließe. Hier, so könnte man meinen, seien endlich einmal einige von ihnen versammelt. Aber so einfach ist die Sache nicht. Diese Frauen sind längst nicht mehr dort, wo sie ihre berufliche Karriere gestartet haben. Sie arbeiten nicht mehr in einem Angestelltenverhältnis. Und schon gar nicht in einem großen Konzern. Sie sind ausgestiegen, haben sich selbständig gemacht und ihre alte Berufswelt hinter sich gelassen.

Vor einigen Jahren erschien in der "New York Times" ein vielfach diskutierter Artikel über ein neues Phänomen weiblicher Eliten: The Opt-Out Revolution. Er handelte von dem Sinneswandel junger, an den Spitzenuniversitäten des Landes ausgebildeter Frauen, die aus freien Stücken beschlossen, sich der Familie und ihren Kindern zu widmen. "Sie werden von den Top-Unternehmen des Landes rekrutiert, starten ihre Turbo-Karriere und hören plötzlich einfach auf", klagte die Autorin. Dabei hatte man gerade diesen Frauen doch eigentlich zugetraut, in die Kreise wirtschaftlicher Führungseliten aufzusteigen, um die weibliche Präsenz dort endlich zu erhöhen. Sie aber zögen nun - ganz emanzipiert von jeglichen Erwartungen - die Familien-Option.

Ähnliches findet seit einiger Zeit auch in Deutschland statt. Nur geht es hier nicht um Mütter mit einem Harvard-Universitätsabschluss, die die Familie entdecken, sondern um beruflich sehr erfolgreiche Frauen in der Mitte ihres Lebens, die sich plötzlich selbst entdecken. Als Führungskräfte, die das Zeug zu Top-Managerinnen hätten, verlassen sie die Konzerne oder kehren Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen nach Jahrzehnten erfolgreicher Zugehörigkeit den Rücken, um sich völlig neu zu orientieren. Kein öffentlichkeitswirksamer Abtritt, kein Paukenschlag, kein Streit - diese Frauen tauchen ohne viel Aufsehen einfach ab.

In den großen Konzernen kennt man dieses Phänomen. Nicht überall lässt es der Vorstand zu, offen darüber zu reden. Manch einer will diese neue Zeiterscheinung auch gar nicht wahrhaben. "Es gibt zwei Phasen, in denen Frauen bestimmter Alterskohorten verschwinden", berichtet Mechthilde Maier, die das Diversity Management der Deutschen Telekom leitet. "Einmal, wenn sie Kinder bekommen, und dann mit Mitte 40 oder Anfang 50." Bei den Frauen im Garten sind Kinder längst kein dominierendes Thema mehr. Sie gehören allesamt zu der zweiten Kohorte, die bereits eine beachtliche Karriere hinter sich haben und plötzlich das Interesse genau daran verlieren.

So haben die Feministinnen vor Jahren allerdings nicht gewettet. Diese Frauen hätten längst ganz oben sein sollen. Doch da findet man sie bis heute nicht, weil ihnen auf dem Weg dorthin aus irgendeinem Grund die Lust an dem Kampf um die vordersten Plätze abhandengekommen ist.

Warum? Was in den Köpfen dieser Frauen vorgeht, ist oft sehr ähnlich. Nach Jahren der Berufstätigkeit beginnen sie, Bilanz zu ziehen, an deren Anfang immer wieder dieselben Fragen stehen: Wie viel Fremdbestimmung will ich für mich persönlich tolerieren? Wie viel berufliche Routine? Oder: Sind das hier wirklich noch meine Themen? Es sind die klassischen Fragen in der Lebensmitte, wenn die Sensibilität für die Endlichkeit des eigenen Daseins zunimmt. Vorstellung von Erfolg, Erfüllung und Herausforderung verändern sich - nicht nur bei Frauen, aber vor allem bei ihnen.

Denn gerade bei ihnen kommt noch etwas anderes hinzu: Ihre empfundene Einsamkeit in Führungspositionen einer Wirtschaftswelt, in der schon ab dem gehobenen Mittelmanagement zu mehr als 90 Prozent die Männer das Sagen haben. Einsam fühlen sie sich nicht durch die steigende Bürde der Verantwortung. Das kennen Männer auch. Allein sind sie vielmehr, weil sie es dort fast ausschließlich nur noch mit männlichen Kollegen zu tun haben. "Frauen verlieren das Interesse daran, sich in männlich dominiertem Umfeld zu behaupten", sagt Maier, "weil sie spüren, dass dort Spielregeln herrschen, die niemals ihre werden." Und dass der Energieaufwand im Kampf dafür in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht. "Man entdeckt mit einem Mal etwas, das man nie wahrhaben wollte: Dass man nämlich zwanzig Jahre lang permanent darum kämpfen musste, dazuzugehören", sagt eine der Frauen im Garten, die vor ein paar Jahren ihr eigenes Beratungsunternehmen gegründet hat. "Irgendwann wollte ich das nicht mehr."

Es sind die exzellent ausgebildeten Frauen der Babyboomer-Generation, von denen hier die Rede ist. Als Kinder sind sie in Familien aufgewachsen, in denen die Eltern zwischen ihren Töchtern und Söhnen nicht unterschieden. Sie haben nach dem Abitur die Universitäten bevölkert, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, dass Geschlechterunterschiede später im Beruf zum Tragen kämen. Mit Ende zwanzig, in den Jahren, in denen Karrieren geschmiedet werden, mussten sie feststellen, dass manche ihre männlichen Altersgenossen an ihnen vorbeizogen. Vor allem aber mussten sie erkennen, dass sie den doppelten Einsatz würden bringen müssen, um in den Unternehmen mit ihrer Leistung überhaupt sichtbar zu werden. Nicht alle haben sich in ihren Dreißigern darauf eingelassen, aber viele. Sie sind weitergekommen. Sie haben sich jahrelang an dem Balance-Akt versucht, sich durchzusetzen, ohne dabei allzu ehrgeizig, dominant, kratzbürstig, verbissen oder überhaupt unweiblich zu wirken. Im Alter von 45 merken sie plötzlich, wie sie das Interesse am Aufstieg, an ihren Aufgaben und ihrem Umfeld verlieren. Zu anstrengend ist dieser Spagat und zu gering die Aussicht darauf, dass gerade dies mit einem weiteren Aufstieg besser wird. Im Gegenteil. Für ihre Arbeitgeber kommt dann der so verlustträchtige Umkehrschluss: Wenn ich hier weitermache in einer Welt, die meine nicht wird, verliere ich Werte, die mir persönlich wichtig sind. "Wer möchte schon zum Zerrbild seiner selbst werden?", fragt eine Managerin, die sich gerade neu orientiert.

Dieses Opting-out der Power-Frauen ist ein Phänomen, für das es keine konkreten Zahlen gibt. Diese Frauen werden nicht gezählt. Sie finden ihren Niederschlag nur in negativer Form in den Daten, die seit Jahren über Frauen in Führungspositionen zusammengetragen werden. Noch immer ist die Zahl von weiblichen Führungskräften in Deutschlands 200 größten Unternehmen verschwindend gering. 12,76 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder sind weiblich und gerade einmal 3,37 Prozent der Vorstandsmitglieder - eine vernichtende Bilanz nach Jahrzehnten der Diskussion. Kein Wunder, dass die Klagen nicht abreißen darüber, dass die Grundgesamtheit der Frauen, die für Top-Positionen in Frage kommen, zu klein sei.

Die Soziologin Christiane Funken von der TU Berlin hat über die "Karrierekorrekturen beruflich erfolgreicher Frauen in der Lebensmitte" eine Studie erstellt, die von der Bundesregierung veröffentlicht wurde. "Wirft man einen genauen Blick auf all die Managerinnen, die höchst erfolgreich sind, aber keine Top-Position besetzen, stellt man eine erstaunliche Paradoxie fest", schreibt Funken. "Viele Frauen steigen auf dem Höhepunkt ihrer bis dahin beachtlichen Karriere aus." Funken hat unzählige Interviews geführt - mit einhelligem Tenor: Die Frauen wollten ihre Interessen, Überzeugungen, Erfahrungen und Begabungen nunmehr in einem Umfeld der Sinnhaftigkeit und Wertschätzung zur Geltung bringen, außerhalb von großen unternehmerischen Strukturen. Und auch Claudia Gather an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin forscht über diese Friktionen im Lebenslauf am Beispiel der Frauen, die sich in der Mitte des Lebens selbständig machen. Ihr Fazit: Es gibt eine ganze Reihe unter ihnen, die über Jahre spüren mussten, dass ihr Weg nach oben vor allem deshalb mühsam ist, weil sie nun einmal weiblich sind. Damit einher geht die zweite Motivation des Ausstiegs: eine höchst unbefriedigende Work-Life-Balance. Zu wenig positives Lebensgefühl und zu wenig inhaltliche Erfüllung angesichts der Anstrengung auf dem Weg nach oben. "No return on investment", sagt Funken.

Diese Neuorientierung ist nicht ausschließlich ein weibliches Phänomen. Doch sind Frauen erstens eher bereit, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Und zweitens ist es um sie vor dem Hintergrund eines Reservoirs potentieller weiblicher Top-Führungskräfte besonders schade. Die Unternehmen, die dabei sind, sich selbst auf Quoten oder Zielkorridore weiblicher Präsenz in Führungsfunktionen festzulegen, sind gerade auf diese Frauen angewiesen.

Nur, was passiert hier wirklich? Karin Arnold, die es als Partnerin bei der internationalen Anwaltskanzlei Hogan Lovells ganz nach oben geschafft hat, sagt: "Es gibt eine Phase, in der man als berufstätige Frau Erfolg zunehmend nicht mehr an den  klassischen Kriterien wie Geld oder Macht festmacht, sondern an anderen Dingen." Man suche nach Inhalten, die einen inspirieren - oder einfach glücklich machen. "Bei denen man ganz bei sich sein kann", sagt Arnold. In ihrem Fall ist das natürlich die rechtliche Beratung auf Themengebieten, die sie besonders interessieren, und von Mandanten, die sie durch ihre Expertise weiterbringen kann. Das heißt: Frauen definieren Erfolg plötzlich neu. Und das ganz für sich selbst. "Diese Neudefinition jenseits der klassischen Kriterien wird den Frauen allerdings zu oft noch als Schwäche ausgelegt. Dabei handelt es sich nicht um Schwäche, sondern Stärke, die sich in einem Zugewinn an innerer Unabhängigkeit niederschlägt", sagt Arnold.

Das einzusehen ist gar nicht so einfach. Denn die Muster klassischer Zuschreibungen von stereotypen Eigenschaften und Befindlichkeiten halten sich hartnäckig und begleiten die Karrierefrauen sogar noch lange nach einer beruflichen Neuorientierung. Entscheidet sich ein Manager für den Ausstieg, werden ihm Souveränität und Mut unterstellt. Tut das Gleiche eine Frau, gilt sie als frustriert und vor allem nicht erfolgreich. Aber so ist es eben nicht. "Das merken wir daran, dass diese Frauen sehr schwer zu halten sind", sagt die Telekom-Managerin Maier. Beförderungsversprechen oder  Gehaltserhöhungen reizen sie nicht mehr. Der Beweggrund bei diesen erfolgreichen Frauen sei keinesfalls die Frustration. "Diese Frauen stellen fest, dass vor allem in Führungspositionen der Adaptionsdruck der noch immer männlich bestimmten Arbeitswelt mehr Energie absorbiert, als durch den Spaß an der Arbeit freigesetzt wird."

Die Journalistin Margaret Heckel hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie es ist, auf der Höhe des beruflichen Erfolgs vom klassischen Karriereweg einfach abzubiegen. Das Buch heißt "Die Midlife-Boomer". Auch Heckel hat sich vor ein paar Jahren selbständig gemacht. Auch sie spricht von Erfüllung und Selbstbestimmung. Frauen, sagt sie, seien zu radikalen Schnitten tendenziell eher bereit. Die klassische Statusfrage beschäftige sie weniger als der Drang, sich selbst noch einmal neu zu erfinden. Jeder Kündigung und damit jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne. Der Zauber eben, wenn man endlich frei ist, Erfolg endlich jenseits der gesellschaftlich so festgefahrenen Vorstellungen nach seinem eigenen Gutdünken definieren kann.

Bei der Telekom jedenfalls haben die klugen unter den Führungskräften begonnen, um ihre Kolleginnen zu kämpfen - nicht zuletzt mit einem Bekenntnis zur Quote. "Entscheidend ist, wie schnell es uns gelingt, in Führungsgremien die kritische Masse an Frauen zu bekommen, um die Einsamkeitsperiode möglichst kurz zu halten", sagt Maier. Dabei geht es dem Unternehmen nicht nur darum, den Brain Drain zu verhindern, der mit jeder Kündigung einhergeht. Es geht auch um die Veränderung von  Unternehmenskulturen, die ohne diese Frauen nicht zu schaffen ist. Einfach sei das nicht, sagt Maier nicht ohne Grund: "Frauen sind häufig viel entscheidungsfreier." So wie die Frauen im Garten. Für die kommen diese Bemühungen zu spät. Das interessiert sie jetzt nicht mehr.

27.04.12 Baut einfach schöne Kindergärten! - von Inge Kloepfer

Jetzt also kommt die Verfassungskeule: Das Bundesjustizministerium hegt angeblich verfassungsrechtliche Bedenken gegen das Betreuungsgeld. Das nämlich dränge Eltern  zu einer bestimmten Art und Weise der Erziehung ihrer Kinder. Verfassungsrechtlich wäre das unzulässig. Glaubte man hier an die Vernunft, die nun endlich in die Debatte zurückkehren möge, kommt eine neue atemberaubende Wendung: Je weniger Eltern für Kinderbetreuungseinrichtungen ausgeben müssten, desto stärker setze das Betreuungsgeld von 150 Euro Anreize, die Kinder aus der vermeintlich segensbringenden Einrichtung wieder herauszunehmen. Verstehe das einer! 

Dahinter verbirgt sich nichts weiter, als das tiefe Misstrauen gegenüber den Hart-IV-Müttern. Bei denen nämlich würden Kinder grundsätzlich Schaden nehmen. In dieser Einschätzung zeigt sich die Vermessenheit und Arroganz einer politischen Klasse, die bereit ist, sozial so oder so schon Benachteiligte im Bausch und Bogen auch noch für erziehungsunfähig zu erklären. 

Liebe Politiker, nehmt die Verfassungskeule oder sonst irgendein Argument und haut das unsägliche Betreuungsgeld einfach vom Tisch. Weg damit, weg mit dem bizarren Kulturkampf, weg mit den Diskriminierungen. Und dann nehmt das Geld und baut so schöne Kindergärten, dass auch die passioniertesten Mütter - welcher Gesellschaftschicht auch immer - Lust bekommen, ihr Kind ein paar Stunden dort abzugeben. 

13.04.12 No free dinner - von Gerlinde Unverzagt

Hochkomisch, die neue Debatte um das Betreuungsgeld! Ein Lutz Kiesewetter, der als Bundesvorsitzender er Schülerunion Deutschlands derzeit reüssiert und mutmaßlich dem zu betreuenden Klientel, um deren Bildungschancen sich jetzt alle so laut sorgen, noch nicht sooooo lange entwachsen ist, begrüßt seinerseits die Initiative von Bundesfamilienministerin Schröder. Er fordert (!) die Einführung eines Betreuungsgeldes, das auf die Rente des Beziehers angerechnet werden soll, sprich, später, wenn die Kinder weg sind, abgezogen werden muss. There´s nothing like a free dinner. Wow, wie kreativ. „Eltern, die zu Hause bleiben, sollen ihren Kindern bei alltäglichen Herausforderungen wie der Erledigung von Hausaufgaben beistehen und sie so bereits früh zu Schülern erziehen“, findet er. Gerne auch schon früh, in Fruchtbarkeitslaune. Später dann umso mehr: „Auf diese Weise werden auch die durch Personalmangel häufig überlasteten Lehrer entlastet, weil mehr schulische Arbeiten mit Hilfe der Eltern erledigt werden können.“ Der „demografischen Negativspirale“ entgegenzuwirken, das verspricht sich der Junge vom  „Instrument Betreuungsgeld“.

Hat man Worte? Ja! Kriegte man Geld für die Hausaufgaben-Betreuung, wäre das eine feine Sache. Und 150 Euro wären echt zu wenig, gleichzeitig viel zu viel. „Wer Geld vom Staat kriegt, ist ein guter Untertan“, wie Bismarck launig bemerkte und still den Reptilienfond fütterte- um den Aufstand der Verarschten zu verhindern.

Der eigentliche Skandal an dieser Debatte ist: Wie man hierzulande über Eltern redet. Die angeblich ohne Bonuszahlung  gar nicht auf die Idee kommen, Kinder zu kriegen, sie großzuziehen, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen oder – geschenkte 150 Euro lieber für Wodka und Flachbildschirme ausgeben, anstatt die neueste Lernsoftware zu kaufen oder den Nachhilfelehrer zu buchen, um wettzumachen, was der Lehrer verpennt. Darüber muss man lachen, damit man nicht verzweifelt – und sehr wachsam sein.

08.04.12 Schade um die Milliarden - von Inge Kloepfer

Jetzt wird schon wieder um das Betreuungsgeld gestritten. 150 Euro, wenn frau – wer anderes sollte es sonst tun – für ihr kleines Kind zuhause bleibt. Stellt sich doch erst einmal die Frage: Was soll das Betreuungsgeld denn eigentlich sein? Ein Taschengeld? Eine Anerkennungs- oder Antidiskriminierungsprämie für Eltern? Oder: Sind 150 Euro der Gegenwert für die Arbeit von Müttern, die ihr Kind in den ersten Jahren rund um die Uhr zuhause erziehen – was übrigens mehr als nur betreuen ist?

Eines ist klar: In keiner dieser Funktionen taugt der Betrag irgendetwas. Es ist Geld, das der Staat ausgibt, ohne dass irgendjemandem damit geholfen wäre. Es ist Geld, mit dem die Regierung bloß einen alten Kulturkampf befeuert: Kinder daheim oder in der Krippe. Eine teure Debatte. Mehr noch: Es ist Geld für einen Streit, der am eigentlichen Problem Deutschlands vorbeigeht, dass es nämlich inzwischen viel zu wenige Kinder gibt. Schade um die geschätzten 1,2 Milliarden Euro, die hier so sinnlos ausgegeben werden sollen.  Mehr Kinder werden deshalb nicht geboren. Und glücklicher werden sie dadurch auch nicht.

30.03.12 Hauptsache Klagen - Schluss damit! - von Gerlinde Unverzagt

Dass es "die" Jugend nicht gibt, stellt die neue Sinus-Jugendstudie fest, bevor sie "der" Jugend Frust darüber attestiert, unter Leistungsdruck zu stehen und sich dem noch nicht einmal groß zu verweigern, sondern sich in rebellionsfreiem Bewältigungsoptimismus zu üben. Wie kommt man eigentlich zu solchen Erkenntnissen? Ganz einfach: man fragt 72 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, verfrachtet sie in sieben Lebenswelten, die man eigens zu diesem Zweck mit Soziologenkauderwelsch möbliert hat und interpretiert feste drauf los, wie es um die Jugend von heute bestellt ist. Das ganze nennt man wissenschaftliche Studie. 

Stimmungsbild dagegen heißt es, wenn die Datenbasis fast doppelt so groß ist, nämlich 120 Antworten auf Fragen umfasst, die eine 14jährige ihren Altersgenossen stellt - ergebnisoffen, thesenlos und aus dem schönsten aller Gründe etwas wissen zu wollen: Wie geht´s euch wirklich? Die Antwort: Gut! Und viel besser als Ihr, liebe Erwachsene, alle glaubt. Doch nur die große Sinus-Studie, nicht dieses wunderbare Kraftfutter in Gestalt der Buches "Glucken, Drachen, Rabenmütter. Wie junge Menschen erzogen werden wollen" rauscht durch alle Medien - das Klagen über die Jugend kommt eben irgendwie besser. Notfalls darüber, dass die Jugendlichen nicht rebellieren, sondern harter Arbeit durchaus etwas abgewinnen können!


 

27.03.12 Von der Leyen fragen - von Inge Kloepfer

Diese Frau weiß einfach alles. Sie weiß, wie man Kinder erzieht, ohne sie wirklich oft zu sehen, wie eine Ehe hält, auch wenn man eigentlich nie zuhause ist, wie Frau Karriere macht, obwohl sie Kinder hat und pflegebedürftige Eltern dazu, wie man sich als Selbstständiger vor Altersarmut schützt und selbst möglichst effizient anspart, was der Unterschicht am besten hilft und wie die armen Kinder dem Dilemma ihrer gesellschaftlichen Exklusion entkommen, wie Deutschland sich nicht abschafft und endlich wieder mehr Kinder kriegt, wie man den Euro rettet und die Griechen gleich dazu. Oder unlängst einer in einer Talkshow: Wie man einen Burnout gerade nur fast kriegt, auch hier auf jeden Fall mitreden kann und vor allem, wie man ihn lebenslänglich vermeidet. Nicht verzagen, von der Leyen fragen. Es gibt eben kaum etwas, das die frühere Familien- und heutige Arbeitsministerin noch nicht erlebt hat. Ihre Existenz ist wie ein Kaleidoskop gesellschaftlich gängiger Erfahrungen und Probleme. Fehlt nur noch, dass sie  Deutschland rät, wie und wo man am besten einkauft, weil sie dazu ja auch etwas sagen könnte, wie man die Haare trägt, die sie sich vor ein paar Jahren von lang nach kurz verändert hat oder wie und wo Urlaub macht. Liebe Frau von der Leyen, wir wollen das alles gar nicht wissen. Wir würden uns viel mehr freuen, wenn auch Sie nicht  immer nur Antworten, sondern auch einfach mal eine Frage hätten. Zum Beispiel: Wie geht es Euch eigentlich da unten?

23.03.12 Frau hat besseres zu tun - von Inge Kloepfer

Eine einfache betriebswirtschaftliche Rechnung wäre doch diese: Würde man männliche durch weibliche Führungskräfte ersetzen, dann  kämen die Unternehmen in den Genuss eines riesigen Personalkosteneinsparungsschub. Bleibt die Frage: Warum macht es keiner? Haben die Männer Angst vor den Frauen? Haben sie Sorge, dass diese, kaum dass sie gefragt sind, an Selbstbewusstsein gewinnen und ihre Gehaltsforderungen drastisch nach oben schrauben? Oder trauen sich Frauen Führung weniger zu? Wahrscheinlich steckt ein bisschen von allem dahinter. Hier aber noch ein neuer Erklärungsversuch: Wenn Frauen in Führungspositionen ankommen könnten,  sind sie um die  40. Spätestens dann aber ist jeder vernünftig denkenden Frau die Lust auf den Konkurrenzkampf mit Männern vergangen. Männliche Anerkennungsmuster, männliche Codes, männliches Gebaren, die Gockelei, die Eitelkeiten, wo es doch eigentlich um die Sache gehen soll! Da hat Frau wahrscheinlich besseres zu tun.   

21.03.12 Kinderglück darf nicht sein - von Inge Kloepfer

46 Prozent der Sechs- bis Zwölfjährigen klagen ober so viel Schulstress, dass sie vor lauter Lernen kaum noch zu anderen Dingen kämen (laut einer Studie von iconkid & youth).  Knapp die Hälfte der Eltern setzt immer noch Körperstrafen in ihrer Erziehung ein (Forsa). Schlimm scheint es um die  Kinder in Deutschland zu stehen. Keine Kindheit, keine Jugend.  Die gleichen Studien haben aber auch ergeben: 96 Prozent der Kinder sind glücklich, auf der Welt zu sein ( wieder icon & youth). Und 91 Prozent sagen, sie hätten die besten Eltern, die sie sich vorstellen könnten.  Vielleicht, weil 90 Prozent der Eltern inzwischen Körperstrafen in der Erziehung für fehl am Platz halten und sehr bedauern, wenn ihnen mal die Hand ausrutscht (wieder Forsa).

Stellt sich die Frage, wie das zusammenpasst. Ganz einfach und wie immer: Gute Geschäfte mit miesen Nachrichten, schlechte Geschäfte mit guten Meldungen! Für mich gilt: Dass fast alle Kinder glücklich sind in Deutschland, ist die eigentliche Sensation. Nach den fortwährenden Erziehungskatastrophenmeldungen dürfte das nämlich eigentlich gar nicht sein.

Kommentar des Tages

Sind Reiche unmoralischer?
Ein Forscher der amerikanischen University of California hat Versuchsreihen mit Reichen und mit Armen durchgeführt. Er hat festgestellt, dass die Reichen rücksichtsloser sind, dass sie stärker auf die eigenen Interessen achten, und dass sie einen rüden Stil beim Autofahren haben. Das sagt noch nicht, dass Reiche schlechte Menschen sind. Aber es sagt etwas darüber aus, wer in marktwirtschaftlichen Systemen eher zu Reichtum und Wohlstand kommt als andere. [>]

Ein Kommentar von:
Ursula Weidenfeld
www.das-tut-man-nicht.de

Sophisticated Mums

30.11.2009

Mütter gibt es in allen Größen, Farben, Formen – und, unter uns gesagt, auch in allen Zuständen. So wie wir, Inge Kloepfer und Gerlinde Unverzagt. Dabei haben alle etwas gemeinsam, ganz egal, ob sie gerade den Hartz IV-Antrag ausgefüllt, das Aktienportfolio aufgestockt, die Scheidungsurkunde unterzeichnet oder die Promotion abgeschlossen haben: Mütter besuchen Elternabende. Mütter stehen mindestens zweimal in der Woche in der Küche, um etwas zu produzieren, das nicht aufgetaut und auch nicht vom Pizza-Service geliefert ist. Und: Mütter sind Weltmeister in Selbstkritik.

Wenn man Mutter wird, kriegt man´s nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Vätern zu tun. Und die ganze Gesellschaft kommentiert. Deshalb zucken wir schuldbewusst zusammen, wenn mal wieder im Fernsehen oder in der Zeitung von multiplem Versagen moderner Mütter die Rede ist.  Außer den Kindern selbst scheint niemand allzu viel von Müttern zu halten.

 

Doch das ändert sich, wenn wir den l´Orealhaften Funken in die Asche blasen: Weil wir es uns wert sind.

Das private kleinste gemeinsame Vielfache ist politisch.

 

Darüber reden wir.

Darüber streiten wir.

Deshalb bloggen wir.  [>]