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25.08.10 Bravo: Zum Schulstart Unterrichtsausfall - von Gerlinde Unverzagt
Wie, liebe Frau Kloepfer, ist es denn bei Ihnen nach dem Ferien-Burnout weitergegangen? Bei uns war das so: Der heiß ersehnte erste Schultag kam und die Kinder gingen um sieben aus dem Haus. Ich wollte gerade mal so richtig privatissimo aufatmen, um mich dann mit einem befreiten Jauchzen in die Arbeit zu stürzen, da kam meine Große schon wieder zurück. Gerade mal zwanzig Minuten Unterricht hat sie genossen, und der bestand hauptsächlich darin zu erfahren, warum der Unterricht in den nächsten zwei Wochen ziemlich selten stattfinden wird. Am Dienstag hat sie gleich komplett frei und heute geht sie für eine Stunde in die Schule. Was morgen wird, weiß man noch nicht. Sie ärgert sich über die Fahrzeiten, die sind nämlich zehnmal so lang wie der Unterrichtsrest. Ich ärgere mich über den schlampigen Umgang mit der wertvollen Zeit der Schüler, in der sie weiß Gott besseres tun könnten, als im Bus durch die Stadt zu kajolen.
Nun muss ich mich ja des Öfteren zuerst schelten und dann belehren lassen, dass die komfortable Ausstattung des Lehrerberufs mit 14 Wochen Ferien eigentlich unterrichtsfreie Zeit ist, in der der Lehrer keineswegs faul am Strand liegt, sondern sich fort- und weiterbildet, sich vor- und nachbereitet und was sonst noch alles so vorkommt. In der Schule meiner Tochter bilden sich die Lehrer in der Schulzeit jetzt so weit fort, dass sie gar nicht mehr da sind. Denn sie müssen lernen, wie man mit einem white board umgeht. Dieserhalb wurden in den Ferien die Tafeln abgebaut, die seit gefühlten zweitausend Jahren dem Lehrer beim Lehren und dem Schüler beim Lernen helfen. Stattdessen jetzt also white boards. Nichts dagegen – es kann ja wahrscheinlich sehr sinnvoll sein, einen Tafelanschrieb von vor sieben Wochen flugs noch einmal aufzurufen, um die Erinnerungslücken der Schüler zu füllen. Fortschritt gleich Bildungsmacht plus Elektrifizierung oder so, um den alten Lenin mal wieder zu erwähnen.
Aber warum passiert die Fortbildung der Lehrer in der Schulzeit? Bitte, ich will nicht kleinlich sein. Aber meine Tochter besucht die 13.Klasse. Bräuchte man da nicht jede Stunde, wenn das Abi nah und näher rückt? Aber vielleicht fällt das Abi ja auch aus, wegen Stromausfall womöglich.
Wollen wir das Beste hoffen?
Herzlich,
Gerlinde Unverzagt
21.08.10 Jeden Sommer Elternzeit! - von Gerlinde Unverzagt
So gerne, wie ich Ihnen auch widerspreche, liebe Frau Kloepfer, mit diesem Thema will mir das nicht gelingen. Wo ich mich immer darüber aufrege, dass Burn-Out etwas ist, das heute jeder hat, wenn er mal ein bisschen ausgepowert ist – ich habe jetzt auch einen. Chronisch! Wenn ich recht überlege, habe ich das jedes Jahr um dieses Zeit, wenn die Sommerferien zu Ende gehen, bei Aldi die Zimtsterne in die Regale geräumt werden und ich dem ersten Schultag entgegensehe wie einst die Jungfer dem Hochzeitstag…bangend, sicherlich, aber auch mit großen Erwartungen. Zum Beispiel der, dann endlich wieder in Ruhe arbeiten und Geld verdienen zu können, ohne mit Ausflügswünschen ins Schwimmbad, in den Klettergarten, auf eine Fahrradtour malträtiert zu werden. Und damit bin ich in den Schwierigkeiten schon mitten drin. Soll ausgerechnet ich als bekennende Pädagogophobin mich, bloß weil ich seit sechs Wochen in jeder Ecke der Wohnung ein Kind sitzen habe, das auf Abenteuer angespitzt ist, für die Verkürzung der Ferien stark machen? Das bringe ich nicht über´s Herz, wenn ich mich an die blassen Nasen, schluffigen Schritte und hängenden Schultern in den letzten Schultagen erinnere, als ich noch guten Mutes war und sie sechs Wochen lang mit Liebe, Freiheit, Abenteuern mästen wollte. Wenn ich nur die Zeit dafür gehabt hätte. Oder wenigstens das Geld nicht gebraucht hätte, das ich in der Zeit verdienen müsste, anstatt zu klettern, zu schwimmen und radzufahren und dabei zu lieben, frei zu sein und Abenteuer zu erleben. Liegt der Fehler nicht wirklich im System bei so vielen guten Absichten? Vielleicht müsste man anstatt die Ferien der Kinder zu verkürzen, die der Eltern verlängern. Sechs Wochen bezahlte Elternzeit im Sommer! Das ist natürlich nur so eine Idee, aber sie könnte, abgesehen davon, dass diese Gesellschaft kein Interesse daran hat, Eltern unter die Arme zu greifen, doch viel Stress rausnehmen. Gekommen ist sie mir auf eine der vielen Fahrradtouren, wo es mir hoffentlich gelungen ist, Liebe und Aufmerksamkeit wenigstens zu arrangieren. Wir fuhren auf Straßen, die für Kutschen gebaut sind und jetzt von Geschossen befahren werden. Das sagt noch nichts schlechtes über die Kutschen und auch nicht über die 200-PS-Geschosse, außer, dass das eben nicht zusammen passt. Wie die Erfordernisse von Familien nicht zu modernen Arbeitsverhältnissen passen und damit wäre ich schon wieder mit Ihnen einverstanden. Aber nur ein bisschen: Denn was sagt uns die Zumutung, 14 Wochen im Jahr freilaufende Kinder organisieren zu müssen über das falsche Leben drumherum, in dem wir unser kleines richtiges einrichten müssen?
Ich denke natürlich auch schon über die Herbstferien nach. Da fällt mir ein, dass die da, wo ich herkomme, Kartoffelferien hießen und dazu da waren, dass die Kinder auf dem Hof bei der Kartoffelernte anpacken mussten. Das muss man sich mal vorstellen: Ferien, in denen die Kinder aus der Schulpflicht entlassen waren, um ihren Anteil an der Familienarbeit zu leisten. Hm, so verkehrt nicht. Ich hätte da so eine Idee…
Ich grüße Sie herzlich!
Gerlinde Unverzagt
PS. Ich frage mich, liebe Frau Kloepfer, ob sich die Lehrerinnen eigentlich wie andere Mütter auch auf das Ende der Sommerferien freuen?
16.08.10 Sommerferien-Burn-Out - von Inge Kloepfer
Langsam tauchen sie alle wieder auf. Die Freunde der Kinder, die Mütter und Väter, die Haustiere und was weiß ich nicht alles. Eine Woche vor Schulbeginn füllen sich die Stadtwohnungen. Lange sind auch wir weg gewesen, liebe Frau Unverzagt, haben nicht zuletzt im Süden der Republik die Sommerfrische – und den Regen – genossen. Und wie immer, wenn ich nach Berlin zurückkehre, denke ich nur an das eine: den Mittagsschlaf. Nicht etwa, weil ich im sogenannten Urlaub jeden Tag ein Nickerchen gehalten habe! Weit gefehlt. Sondern, weil mich fast sechs Wochen Ferien mit drei Kindern und teilweise mit deren Freunden vollkommen geschafft haben. Zurück am Schreibtisch reizt es mich, in bester Meckel’scher Manier ein neues Buch zu verfassen, das viele Mütter interessieren dürfte. Das Thema: Mein Sommerferien-Burn-Out.
Die Kinder habe ich in meiner Verzweiflung diese letzte Ferienwoche in ein Sport-Camp verbannt. Und nun erhole ich mich – am Schreibtisch. Nicht schlafend, sondern arbeitend. In Ruhe, ohne Unterbrechung, ohne permanente Anfragen, wo die Luftpumpe sein könnte oder der Badeanzug oder die Fußballschuhe, oder warum wieder so viele Handtücher nass und so wenige frisch gewaschen sind.
Langer Rede: Sechs Wochen Sommerferien sind für Mütter eigentlich eine Zumutung. Sechs Wochen nämlich sind wir dann ohne die Hilfe von eifrigen Lehrern, Erziehern oder sonstigen Kinder-Entertainern im 24-Stunden-Einsatz. Und wenn wir arbeiten wollen, so nebenher, sofern das überhaupt geht, dann bitteschön nächtens. Eine Freundin, die sich - ebenfalls aus dem Sommerurlaub wieder zurück gekehrt - wie ich beim Supermarkt um die Ecke einfand, berichtete das Gleiche. Zwar ist ihre Haut wunderbar gebräunt, doch unter ihren Augen liegen dunkle Schatten. Sie sei reichlich erledigt an ihren Arbeitsplatz zurück gekehrt und habe die Kinder die letzte Woche nun sich selbst überlassen, berichtete sie ziemlich schuldbewusst. Dass das mitunter nur mit Hilfe von Computern und dem Internet gut geht, weiß sie auch. Doch eine Alternative hat sie nicht. Schließlich ist sie fest angestellt. Da ginge es mir, sagte sie, ja noch gut. Immerhin könne ich mir meine Arbeitszeit selbst einteilen. Nur muss die Arbeit auch irgendwann gemacht werden.
Ich stelle fest: Die Idee der langen Sommerferien, oder überhaupt der 13 Wochen Schulferien im Jahr, frönt einem völlig falschen, veralterten Familienbild. Dem nämlich, dass Mütter zuhause sind und sich den ganzen Tag um ihre Kinder kümmern können. Nur ist das längst nicht mehr der Fall. Die meisten sind berufstätig und lavieren zwischen Job und auswildernden Kindern, die nach Wochen des Nichtstuns vor Energie nur so strotzen. In vielen Familien reicht ein Einkommen längst nicht mehr aus. Beide arbeiten und wechseln sich mit ihrem Urlaub ab, damit die Kinder nicht wochenlang ohne Aufsicht oder Anregung ihr Unwesen treiben. Zwei Wochen Familienurlaub bleiben meiner Freundin im Jahr. Den Rest verbringen sie und ihr Mann getrennt – mal er, mal sie mit den schulpflichtigen Kindern.
Warum sollte man die Ferien nicht kürzen? 8 Wochen im Jahr täten es doch auch oder nur 7. Wo doch in deutschen Schulen so oder so längst nicht genug gelernt wird! Das würde für die öffentliche Hand zwar deutlich teurer, doch haben die Kultusminister ja erst mit der Kürzung des 13. Schuljahres Milliarden eingespart.
Während ich Sie, liebe Frau Unverzagt, bitte, mal über diesen Vorschlag nachzudenken, wende ich mich anderen Dingen zu.
Ich organisiere gerade die Herbstferien, die ja schon bald wieder ins Haus stehen. Zwei geschlagene Wochen müssen die Kinder beschäftigt werden, damit ich – egoistisch oder nicht – in Ruhe arbeiten und Geld verdienen kann.
Es grüßt sie reichlich urlaubsreif
Ihre Inge Kloepfer28.06.10 Wenn Vergleichstests nur Systeme schonen - von Gerlinde Unverzagt
Gut finden, liebe Frau Kloepfer, müssen wir es überhaupt nicht, dass die Kinder in der Schule nur reüssieren, wenn ihre Eltern kräftig zuarbeiten! Fragt sich nur, warum wir trotzdem gute Miene zum blöden Spiel machen und uns willig als Hilfstrupps rekrutieren lassen: Nachhilfe bezahlen, Fördervereine organisieren, Klassenzimmer renovieren – das ganze Programm. Ich vermute, wir tun das, weil uns die Kinder und ihr Wohl am Herzen liegen.
In vorauseilendem Gehorsam glauben wir jeder noch so dämlichen Idee, wonach sich die Bildungsmisere durch eine noch stärkere Verzahnung von Schule und Elternhaus beheben lässt. Dieser fatale Irrtum füttert den aktuellen Trend, Eltern in nie dagewesener Weise in die Schule einzubeziehen und nährt die Unterstellung, dass gute Eltern solche sind, die sich in der Schule engagieren. Und andersherum auch: schlechte Eltern erkennt man daran, dass sie sich nicht in der Schule engagieren – gerade so, als wäre Schulengagement und Elternliebe dasselbe.
Genau deshalb werden sich jene sozialen Spaltungen in den Schulen verstärken, denen eine veränderte Schulstruktur entgegenwirken will. Denn engagiert sind vor allem die bildungsbeflissenen Mittelschichtseltern, die sich das Mitarbeiten noch als edles, sinnstiftendes Tun zum Nutzen der Allgemeinheit schönreden können.
Wenn aber die Eltern so unverzichtbar sind, schlage ich aufrichtige Vergleichstests vor, solche, die tatsächlich verwertbare Erkenntnisse erbringen können. Alles andere ist Augenwischerei und dient nur dem Zweck, von den eigentlichen Verantwortlichkeiten abzulenken. Die aktuelle Neuntklässler-Vergleicherei erinnert mich an eine Lektion meines alten Philosophielehrers zum Thema Erkenntnisgewinn durch Empirie. Er erzählte uns die Geschichte eines Forschers, der feststellte, dass ein Frosch mit vier Beinen vier Meter weit springt und mit jedem Bein, das man ihm ausreißt einen Meter weniger. Der beinlose Frosch sprang nicht mehr und der Forscher notierte, dass er wohl taub sei. Mit dieser politisch unkorrekten Denkwürdigkeit entließ er uns in die Abi-Prüfung.
Anzunehmen, dass die kleinen Bremer und Berliner dümmer als die kleinen Bayern sind, wäre wohl ähnlich problematisch. Nichts gegen Bildungsstandards, doch warum die einen sie erfüllen und die anderen nicht, ließe sich doch herausfinden, wenn man das wollte und sehr gefasst in Kauf nähme, dass das Ergebnis vielleicht nicht ganz so systemschonend ausfällt wie bei den herkömmlichen Vergleichstests. Vergessen wir mal einen Moment lang den „migrantischen Hintergrund“, der immer herbeizitiert wird, wenn es um schlechte Schulleistungen geht und schauen uns die Familien von Schulkindern aus der Nähe an, meinetwegen auch sortiert nach Bundesländern. Wieviel Geld geben Eltern für Nachhilfe, Bücher, Lernsoftware aus? Wieviele Kinder werden zum Übergang aufs Gymnasium in Sport- und Schwimmvereinen, Kirchenchören, Musikschulen abgemeldet, weil der Bewältigung des Schulstoffs geopfert wird, was nach Spaß und Freizeit auch nur riecht? In wie vielen Familien wird der Sonntagsausflug gecancelt, weil noch Vokabeln gepaukt werden müssen? Wieviele Kilometer Geduldsfäden verspinnt eine durchschnittliche Familie bei dem Versuch, ein Kind halbwegs heil an Haupt und Gliedern durch 12 Jahre Schule zu bugsieren? Wo fällt wieviel Unterricht aus? Und wo wurden Lehrpläne tatsächlich entrümpelt? Wo werden wie viele Rezepte für Psychopharmaka, Schmerztabletten und Ritalin für Schulkinder ausgestellt? Jedes Jahr bringen sich Kinder um, wenn die Zeugnisse verteilt werden. Ich wüsste gern, wie viele und was man dagegen unternimmt. Ich fürchte nämlich, dass es nicht bei dem einen Elftklässler bleibt, der sich, wie es an dieser Schule hieß, aus Angst vor´m Sitzenbleiben, vor drei Tagen das Leben nahm.
Herzliche Grüße,
Gerlinde Unverzagt
24.06.10 Konstruktive Leistungsvergleiche bitte! - von Inge Kloepfer
Sind wir wirklich so mies? Diese traurige Frage, liebe Frau Unverzagt, musste ich mir gestern von meinen Kindern anhören. Denn auch sie haben natürlich mitbekommen, dass die Berliner Neuntklässler in den Deutschland weiten Schüler-Leistungs-Vergleichstests ziemlich weit hinten liegen. Nein, konnte ich zunächst getrost antworten. Denn keines meiner Kinder ist in der 9. Klasse und gehört damit zur Gruppe der repräsentativ getesteten Schüler. Auch konnte ich sie dahin gehend beruhigen, dass in Bayern, Bremen, Berlin und allen anderen Bundesländern die Kinder das gleiche Lernprogramm absolvieren, nachdem sich die Kultusminister auf Bildungsstandards geeinigt haben. Ein Berliner Realschüler etwa muss das gleiche können wie einer aus Baden-Württemberg oder Bayern. Nicht mehr und nicht weniger. Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe sind ebenfalls in Arbeit. Abiturienten aus Bayern, Berlin oder Bremen werden alle das gleiche Niveau zu meistern haben. Welchem Zweck also dienen derartige Leistungsvergleiche?
Die Aussage, dass es in Flächenländern wie etwa Sachsen, Bayern oder Baden-Württemberg einen größeren Anteil besserer Schüler gibt als in Stadtstaaten, müsste man gar nicht erst durch immer neue Test feststellen. Denn das ist offensichtlich. In den großen Stadtstaaten wie Berlin, Bremen oder Hamburg herrscht eine sehr viel nachteiligere Sozialstruktur. Die Städte stehen mit ihren zum Teil problematischen Bevölkerungsgemisch (30 Prozent Migranten im Vergleich zu einem Bundesdurchschnitt von 18 Prozent) vor ganz anderen und vor allem viel größeren Bildungsherausforderungen als Flächenländer. Zu vergleichen, was nur schwer zu vergleichen ist, macht daher überhaupt keinen Sinn. Genauso wenig zielführend ist es, daraus Schlüsse für das richtige Schulsystem zu ziehen. Die Studien besagen nämlich nicht, in welcher Form Schüler am besten lernen – getrennt oder gemeinsam.
Es ist an der Zeit, sich endlich zu konstruktiveren Leistungsvergleichen zu entschließen. Und das geht nur, wenn regionale Einheiten mit ähnlicher Sozialstruktur verglichen werden. Deutschlandweit könnte man Städte mit einem gleich hohen Migrantenanteil unter die Lupe nehmen – um einmal ein Beispiel zu nennen. Das brächte erheblich größeren Erkenntnisgewinn. Die Stadt nämlich mit den besten Ergebnissen könnte für andere Modell stehen oder Methoden liefern, wie man das eigentliche Problem in Deutschland in den Griff bekommt: Jenes nämlich, dass immer noch 20 bis 25 Prozent unserer 15jährigen Jugendlichen insgesamt zu wenig wissen, um aus den Bildungsangeboten eigenständig Nutzen zu ziehen. Und dass davon besonders die Kinder mit Migrationshintergrund betroffen sind.
Langer Rede, liebe Frau Unverzagt: Erst letzte Woche hatte ich eine Freundin aus München zu besuch, die sich ordentlich abmüht, ihren drei Kindern den Übertritt aufs Gymnasium zu ermöglichen. Sie haben richtig gelesen: Sie, die Mutter müht sich ab. Nicht in erster Linie die Kinder. Kein Wochenende ohne Lernstress, keine Ferien ohne Lernprogramm und dazu immer wieder Nachhilfe. Sie hatte sich bei der Klassenlehrerin ihrer mittleren Tochter, einer Viertklässlerin, über den Notenstress und Druck erst unlängst bitter beklagt, und bekam die lapidare Antwort: „Wir gehen hier in Bayern davon aus, dass die Eltern entsprechenden Einsatz bringen. Das ist doch selbst verständlich.“ Ich denke, das sagt mehr über das System, die Lehrermotivation und Unterrichtsqualität aus, als der Dame selbst bewusst war. Können wir Eltern es gut finden, dass nur Kinder reüssieren, deren Eltern immer parat stehen?
Ich grüße Sie wie immer herzlich
Ihre Inge Kloepfer
15.06.10 Merkel ist auch nicht schlechter als die Männer - von Gerlinde Unverzagt
Eine harte Nuss, liebe Frau Kloepfer, haben Sie mir da zu knacken gegeben, und dafür muss ich mich zuallererst bedanken. Denn sonst hätte ich freiwillig bestimmt nie über den Führungsstil von Frau Merkel nachgedacht. Nicht etwa aus frei flottierender Ignoranz gegenüber aktuellen politischen Fragen habe ich die Klippen dieses Themas bisher umschifft, auch mein manchmal liederlicher Umgang mit feministischem Gedankengut taugt nicht als Ausrede für meine mentale Abstinenz. Wahrscheinlich war´s nur wieder ein Schub latenter Politikverdrossenheit, der mich hat übersehen lassen, dass an Frau Merkels Führungsstil irgendetwas Bemerkenswertes sein könnte.
Doch enthalten Ihre Zeilen nun so viele Reizworte, dass ich gleich mit dem Nachdenken angefangen habe. Verzeihen Sie mir, dass ich dabei kaum über Radio-Eriwan-Niveau hinauskomme. Ja: Sie hat keine gesellschaftspolitische Vision, kein Zukunftsversprechen, keine Idee. Aber: Hatten das die Herren im Amt, die ihr vorangingen? Ich meine, keine andere Idee zu haben, als die, sich in die nächste Amtsperiode zu retten, ist ihr doch nicht schwerer anzukreiden als den Herren auch. Kriegen wir nicht jeden Tag vorgeführt, dass die Alpha-Männchen in ihren Amtssesseln, auf ihren Kanzeln oder sonstwo während ihres Rittes auf hohen Rössern an ihrer Position kleben wie nichts Gutes? Warum sollte eine Person in dieser Position das anders handhaben, nur weil sie zufällig weiblich ist? Die Fotografin Herlinde Koelbl hat Angela Merkel zwanzig Jahre lang immer wieder abgelichtet und den sinnfälligen Beweis dafür geliefert, was Macht mit Gesichtern macht. Sie verhärtet, versteinert, verfremdet und zieht tiefe Furchen. Das scheint unisex zu funktionieren, denn dem Gesicht von Joschka Fischer ist die Macht auch nicht besser bekommen. Da stellt sich für mich eher die Frage: Wie wird man, wenn man in diesem Haifischbecken schwimmt, und hätte man eigentlich eine Alternative?
Ob die Kanzlerin ihre Arbeit gut macht, kann ich genauso wenig beurteilen, wie sie beurteilen könnte, ob ich meine Arbeit gut mache. Mir fällt nur immer wieder auf, dass der Referenzpunkt in der Einschätzung der Kanzlerinnenarbeit eher die Weiblichkeit als das politische Standing der Amtsinhaberin ist. Dass einer routiniert, sachlich, emotionslos und weitgehend empathiefrei regiert, würde man einem Mann genauso wenig wie eine doofe Frisur vorwerfen. Aber gerade weil sich an das Mehr an Weiblichkeit, dass Sie ja auch anrufen, so viele und manchmal auch überzogene Hoffnungen knüpfen, kann sie doch da nur scheitern – und das lenkt davon ab, ihre Politik vom Ergebnis für die Regierten her zu beurteilen. Das ist allerdings mager, da stimme ich Ihnen zu. Der Unterschied ist nur, dass ich auch gar nicht mehr erwartet habe. In Deutschland ist zum ersten Mal eine Frau Kanzlerin geworden und man wird ihr nicht gerecht, wenn man jetzt fragt, ob auch eine Kanzlerin Frau genug ist.
Dass sie Konflikte offenbar nicht mit Machtworten, Rücktrittsdrohungen, Basta-Gelaber und Gockel-Gehabe löst, sondern einfach mal schweigt, finde ich so unsympathisch nicht. In meinem Laden hier zuhause habe ich mit dieser Strategie bisweilen schöne Erfolge erzielt, mindestens aber Deeskalation erwirkt, wenn meine Fraktionen sich bis aufs Blut zerstreiten. Ihr allein deshalb Führungsschwäche zu attestieren, erscheint mir übertrieben und sagt mehr über den, der kritisiert als über das Objekt der Kritik. Ich finde weibliche Solidarität an dieser Stelle genauso überflüssig wie die Hoffnung auf den vermeintlich angenehmeren weiblichen Führungsstil: Ausgleichen, zuhören und moderieren können Männer genauso wie Frauen aussitzen, plattmachen und wegbeißen können. Komisch, dass man in den Zeitungen Angela Merkel Führungsschwäche vorwirft, seit sie den Job angetreten hat. Vielleicht ist hier das missing link verborgen, das das schiefe Bild erklärt. Wäre Angela Merkel ohne Führungsschwäche so etwas wie die Titanic ohne deren Untergang?
Seien Sie herzlich gegrüßt!
Gerlinde Unverzagt
11.06.10 Merkels Bärendienst - von Inge Kloeper
Seit einiger Zeit, liebe Frau Unverzagt, liegt mir etwas auf der Seele, mit dem ich Sie eigentlich nicht behelligen wollte. Doch sah ich mich in den vergangenen Wochen immer einmal wieder mit der Frage meiner Kinder konfrontiert, ob Angela Merkel ihre Arbeit wirklich gut mache. Nachdem ich – in weiblicher Solidarität – mehrfach mit einem „Grundsätzlich Ja“ geantwortet habe, komme ich zunehmend in die Bredouille. Denn Solidarität hin oder her: Unsere Kanzlerin führt zwar anders als viele Männer vor ihr. Doch geht dies inzwischen mit einer destruktiven Kraft einher, die ihres gleichen sucht.
Im Vergleich zu ihrem Vorgänger schien Angela Merkel zunächst den angenehmen weiblichen Führungsstil zu verkörpern: ausgleichend, zuhörend, moderierend und vor allen Dingen offen. Sogenannte Soft Skills schienen endlich wieder eine Rolle zu spielen, als sie ins Amt kam. Ihr Antritt sollte eine neue Ära einläuten und die vielen klugen Frauen der Republik aus ihren Nischen in Führungspositionen bringen. Mit Merkel - das hatte auch ich gehofft - würde Politik wieder interessanter und inhaltsstärker werden.
Fast war ich geneigt zu vergessen, dass auf ihrem Weg an die Spitze – nicht anders als bei Männern – viele Politiker das Nachsehen hatten und haben. Sie hat sie ja alle geschafft: den Helmut Kohl, den Wolfgang Schäuble, vor allem den Friedrich Merz. Sie ist Roland Koch bald los, der Bundespräsident Horst Köhler ist kürzlich mit fliegenden Frackzipfeln aus Schloss Bellevue geflohen. Und mit dem lästigen Dauerkonkurrenten Christian Wulff verfährt sie, wie man es macht, wenn man nicht gewinnen kann: Man lobt ihn weg. Sie hat darüber hinaus im Zuge der Entscheidung für Wulff als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten offenbar Ursula von der Leyen brüskiert, den einzigen Star in ihrem Kabinett – womöglich auch das aus politischem Kalkül. Die beliebte Blonde sollte ihr nicht das Wasser abgraben. Dabei hatte ausgerechnet diese Ministerin noch im April anlässlich der Übernahme des CDU-Parteivorsitzes durch Angela Merkel vor zehn Jahren ihre Chefin über die Maßen gelobt: Offener sei die CDU unter Merkel geworden, der weibliche Blick viel stärker.
Mag ja sein. Doch hätte dieses Mehr an Weiblichkeit, wenn es so wäre, einen hohen Preis. Merkels Partei ist personell ausgedünnt, die Regierungskoalition zerstritten, das Kabinett miserabel besetzt, die Wählerschaft desillusioniert, die Bevölkerung ziemlich Politik verdrossen. Und niemand weiß, was die erste Frau im Bundeskanzleramt eigentlich will.
Merkels Führungsstil wird als situativ oder facettenreich beschrieben. Und genau darin liegt seine zerstörerische Kraft, die in diesen Zeiten offenbar weiblich ist. Den Frauen in Deutschland hat die Kanzlerin damit einen Bären-Dienst erwiesen.
Inzwischen beantworte ich die Frage meiner Kinder anders: Unsere Bundeskanzlerin macht ihre Arbeit alles andere als gut. Warum? Weil sie keine gesellschaftspolitische Vision hat, kein Zukunftsversprechen, keine Idee – außer der, eine zweite Amtsperiode als Kanzlerin durchzuhalten, was nur noch ihr selbst, aber nicht dem Land und den Bürgern nutzt.
Glücklicherweise beginnt heute die Fußball-Weltmeisterschaft. Und alles um mich herum wird sich mit Wonne wieder in jenen Ausnahmezustand katapultieren, der uns vor vier Jahren allesamt so sehr verblüfft hat. Natürlich wird diskutiert, diesmal über Waden und Flanken, über Fouls und Fehlpässe, über Torschützen und Bankdrücker. Vier Wochen lange wird wohl keiner hier zuhause nach Angela Merkels Führungsqualitäten fragen, sondern nach denen von Jogi Löw. Ich bleibe außen vor. Für Fußball-Fragen bin ich schließlich nicht zuständig. Es sei denn, der Bundestrainer würde irgendwann einmal weiblich sein.
Ich grüße Sie trotz allem weiter unverdrossen
Ihre Inge Kloepfer
21.05.10 Männerhirne funktionieren anders - von Inge Kloepfer
Jetzt haben Sie, liebe Frau Unverzagt, gerade noch über die neue Rolle der Väter räsoniert, da lenke ich schon wieder ab. Wie sieht es denn künftig mit der Rolle der Chefs in großen und kleinen Unternehmen aus? Vielleicht müsste man diese alsbald ebenso neu definieren wie die der Väter.
Denn soeben ist der Schweizer Pharmakonzern Novarits in den Vereinigten Staaten wegen der Diskriminierung von Frauen zu einer Strafe 250 Millionen Dollar verurteilt worden. Ein Rekord-Urteil sozusagen. Und man weiß nicht richtig, ob man als Frau jubeln oder weinen soll. Jubeln, weil wenigstens in Amerika endlich gegen die noch immer stattfindende Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt vorgegangenen wird. Weinen, weil es – wie das Urteil offenbart – selbst in einer Welt, in der Frauen mindestens so gut qualifiziert sind wie die Männer und in der es zunehmend auch auf die Bereitschaft der Frauen zur Karriere ankommt, immer noch so zugeht wie anno dazumal.
Nun diskutieren wir Frauen (und so mancher Mann) schon seit Jahren über dieses Thema und kommen nicht so recht vom Fleck – wäre da nicht die amerikanische Gehirnforscherin Louann Brizendine. Deren jüngste Publikation möchte ich Ihnen, liebe Frau Unverzagt, doch sehr ans Herz legen: „Das männliche Gehirn“, erschienen vor ein paar Tagen beim Verlag Hoffmann und Campe. Ein wunderbares Buch, das viel zum Verständnis beiträgt, warum und wie es noch immer zu diesen Benachteiligungen kommt.
Ich habe Frau Brizendine neulich getroffen und mit ihr über die Gründe dafür gesprochen, warum nur so wenige Frauen wirklich Karriere machen. Lesen Sie mal hinein in unserer Gespräch, wenn Sie mögen.
Viel Spaß bei der Lektüre wünscht Ihnen
Ihre Inge Kloepfer
Frau Brizendine, was ist eigentlich mit uns Frauen los? Wir kommen nicht nach oben, werden in Unternehmen diskriminiert und haben auf politische Kämpfe keine Lust. Sind wir nicht schlau genug?
Überhaupt nicht. Unsere Gehirne sind nicht weniger leistungsfähig als die der Männer. Die Hälfte der weltweit intelligentesten Gehirne ist weiblich. Das ist eine Tatsache. Aber unsere Gehirne funktionieren anders als die der Männer. Auch das wissen wir inzwischen.
Und deswegen werden Frauen noch immer diskriminiert?
Ich glaube nicht, dass Diskriminierung von Seiten der Männer immer bewusst stattfindet. Denn viele Männer arbeiten gerne mit Frauen – und das auch auf Führungsebene. Aber bedenken Sie: Das weibliche Gehirn ist seit Tausenden von Jahren darauf konditioniert, sich in erster Linie um den Nachwuchs zu kümmern. Ob Frauen es wollen oder nicht, das weibliche Gehirn wird davon enorm absorbiert – ganz anders als bei Männern. Für die Mehrzahl der Frauen, die Kinder bekommen, ist die Motivation, sich an die Spitze zu kämpfen, in der Tat ein Problem. Nicht aus organisatorischen Gründen, sondern aufgrund ihres Gehirns.
Viele qualifizierte Frauen haben aber gar keine Kinder.
Richtig. Das war auch nur ein Teil der Erklärung. Es gibt noch einen anderen Aspekt: Unsere Arbeitswelt ist von der Funktionsweise männlicher Gehirne geprägt und spiegelt diese. So passt die männlich organisierte Arbeitswelt nicht zu Funktionsweise weiblicher Gehirne. Das spüren die Frauen intuitiv und fühlen sich dann permanent entmutigt.
Darf man so etwas heutzutage überhaupt sagen?
Politisch korrekt ist das noch immer nicht. Aber wir müssen die unterschiedlichen Arbeitsweisen endlich akzeptieren, damit sich etwas ändert.
Was genau funktioniert denn so unterschiedlich?
Menschliche Gehirne arbeiten mit zwei Gefühlssystemen. Das System der Spiegelneurone und das System der temporal-parietalen Verknüpfungen. Frauen und Männer nutzen diese beiden Systeme unterschiedlich intensiv. Spiegelneurone befähigen einen, sich in die Gefühlslage des Gegenüber hinein zu versetzen. Taucht in einem Unternehmen ein Problem auf und wird darüber gesprochen, dann ist das System der Spiegelneurone bei Frauen länger aktiv als bei Männern. Denn die Männer-Gerhirne schalten ziemlich schnell auf Problem-Analyse und Lösungssuche um. Bei ihnen sind dann die temporal-parietalen Verknüpfungen aktiviert. Frauen befinden sich zu der Zeit allerdins noch auf einer anderen Ebene. Deshalb fühlen sie sich von den Männern nicht ernst genommen, missachtet, unverstanden. Das System, dessen sich die Männer-Hirne bedienen, schafft zudem eine scharfe Abgrenzung zwischen den Gefühlen des ‚Ich’ und des ‚Anderen’, was Frauen gleichermaßen brüskiert.
Und dann ziehen sich Frauen zurück oder sagen, sie würden nicht verstanden, nicht gefördert oder sogar diskriminiert.
Genau, durch die Spiegelneurone des weiblichen Gehirns deuten Frauen oft schon die männlichen Gesichtsausdrücke in solchen Situationen falsch. Deswegen fühlen sich Frauen von dem vermeintlich kühleren oder analytischeren Auftreten der Männer zurückgestoßen. Ich glaube, dieses Problem ist in der Arbeitswelt gar nicht hoch genug zu bewerten. Wenn man die Gehirnaktivitäten von Männern und Frauen in einer solchen Situation auf einem Bildschirm zeigt, dann könnte man genau sehen, wie bei den Männern andere cerebrale Verknüpfungen aktiviert werden als bei Frauen. Das hängt mit den Hormonen bei Männern und Frauen zusammen. Erhöht man bei Frauen zum Beispiel den Testosteron-Spiegel, dann beginnen ihre Gehirne auf eher männliche Art zu arbeiten - und umgekehrt.
Was müsste sich denn tun, damit sich etwas ändert?
Im Grunde darf die Arbeitswelt nicht mehr nur die Funktionsweise der männlichen Gehirne spiegeln. Kommunikationsformen müssen weiblicher werden. Das bekommt man hin, wenn es gelingt, eine kritische Masse an Frauen in Führungspositionen zu bringen, also auf Dauer einen Anteil von 25 bis 30 Prozent. Und das nicht, weil sich Frauen dann gegen Männer besser durchsetzen könnten, sondern weil Frauen bei einer anderen Kommunikationskultur das Feedback bekommen, das sie brauchen.
Wie weit ist denn die Wirtschaftswelt in dieser Hinsicht? Gibt es Einsicht?
Es beginnt langsam, wird aber sicher noch zwei Jahrzehnte dauern. Immerhin gibt es in Amerika schon große Investoren, die nur noch in Unternehmen mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil an Frauen in Führungspositionen investieren. Denn sie wissen, dass diese Unternehmen auf Dauer wirtschaftlich erfolgreicher sind.
Der Feminismus der siebziger Jahre ging davon aus, dass männliche und weibliche Gehirne gleich sind und Männer ganz bewusst versuchten, Frauen auszuschließen oder ihnen die Wege zur Macht zu versperren. Viele denken das heute noch. Ist das, was sie jetzt Sie jetzt sagen, die neue Form des Feminismus?
Auch ich war eine Anhängerin der Frauenbewegung der siebziger Jahre. Doch aufgrund meiner Forschungsergebnisse sehe ich die Dinge heute anders. Über Jahre wollten wir wie die Männer sein und hatten insgesamt keinen Erfolg. Jetzt müssen wir die Unterschiede akzeptieren, damit auf allen Ebenen beide Gehirne genutzt werden.
13.05.10 Väter sind was wunderbares, oder? - von Gerlinde Unverzagt
An diesem windigen, kühlen unerhört wichtigen Feiertag möchte ich, liebe Frau Kloepfer, mich mal an etwas versuchen, was dem Mai in diesem Jahr nicht gelingt – milde sein. Genau genommen ist ja nur die Hälfte aller Elternteile weiblich, und deshalb sei die Frage erlaubt, wie wir den Tag der Herren, Männer und Väter morgen artgerecht feiern könnten?
Auf dem Weg in die postindustrielle Gesellschaft haben die patriarchalischen Hähne viele Federn gelassen: der Haushaltsvorstand, dem die Familie wie Gänseküken hinterhertrippelt ist genauso perdu wie der Gatte, ohne dessen Zustimmung die Gattin weder ein Konto eröffnen, einen Beruf ausüben noch ihr Erbe verplempern kann. Das bessere Gehalt für dieselbe Arbeit und der Chefsessel überdauern noch, aber der Vorsitz in der Regierung ist schon gefallen. Und seit einigen Jahren scheinen Väter jetzt auch in Familien verzichtbarer als je zuvor zu sein und finden sich als eine Art (austauschbarer) Assistent der Geschäftsleitung ohne Prokura und ohne Kündigungsschutz wieder. Die Frauen haben neue Rollen übernommen, die Männer überlegen noch. Längst hat sich bei uns ein ziviles Kriegerwitwen-Syndrom ausgebreitet: Während die Frauen immer mehr Aufgaben stemmen, denken ziemlich verunsicherte Männer darüber nach, wofür sie eigentlich zuständig sind, und laborieren dabei an einem Vatertypus, der im Geburtsvorbereitungskurs übte, tief in den Schniedel zu atmen, bei der Geburt die psychosomatisch korrekte Couvade vollzog, später einen veritablen Busenneid entwickelte und sich dauerhaft um emotionale Nähe zu seinem Kind bemüht, auch Elternzeit beantragt, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Mutti“ trägt und darüber allwöchentlich im Blog über das letzte Abenteuer berichtet, das darin besteht, Vater zu sein.
Der männliche Vorsprung schmilzt allenthalben dahin, und das ist ja auch nicht nur traurig. Oft kommt es einfach so, dass Väter sich zum verzichtbaren Beiwerk entwickeln, auch weil sie zum Geldverdienen nicht mehr unbedingt gebraucht werden und der andere Vater, der Staat, einspringt, damit die Mutter sich ausschließlich ums Kind kümmern kann. Sein ursprünglicher Beitrag zur Familiengründung, die Zeugung von Nachwuchs, hat an Prestige verloren. Ist ein Vater im Mutterland tendenziell überflüssig, abgesehen von „dem Zeug, das er in einem handlichen Reagenzglas abliefern könnte“, wie die britische Autorin Libby Purves genüsslich giftet? So weit sind wir jetzt: Noch ungleicher als Männer und Frauen sind Väter und Mütter – in der Beziehung zwischen Eltern sind Väter eindeutig das schwächere Geschlecht.
Das Ding mit den Vätern könnte sich auch als Lebenslüge der allseits befreiten Frau erweisen. Seit wir unser Geld selbst verdienen und gemerkt haben, dass eine Honorarüberweisung dieselbe Befriedigung auslösen kann wie ein multipler Orgasmus, seit wir den verstopften Abfluss alleine wieder gängig kriegen und die Kinder sowieso alleine erziehen, wünschen wir uns neue Väter. Aber wollen wir sie wirklich haben? Oder stellen wir uns eher den von der Windel verwehten Wickelvolontär und weisungsgebundenen Kinderassistenten vor, der bestenfalls eine Art Ersatzmutter abgibt, wenn das eigentliche Idealmodell gerade mal keine Zeit hat und bitte, also wirklich, nicht mit uns in den Ring steigt, um uns den Pokal der Gutmutterschaft streitig zu machen? Selbst in den Familien, in denen die Arbeit wirklich geteilt wird, weil beide arbeiten gehen, findet man die leise Vorherrschaft der Mütter. Fast immer übernimmt die Mutter die kindnahen Aufgaben (schlichten, trösten, Tränen trocknen) und der Vater die logistischen Pflichten (Getränke holen, Müll runtertragen, Überweisungen tätigen). Böse Zungen behaupten, die Mitarbeit der Väter beschränke sich auf das, was Spaß macht – Zeugung, Ballspielen, Kino.
Weil man eben nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen kann, dass die Eltern zusammenbleiben, bis die Kinder groß sind, liegt es nahe, den Vater als episodische Erscheinung zu konfigurieren – als Vater Morgana. Die dominante Mutterrolle erwächst aus einer Mischung von Macht und Unsicherheit: Wenn wir uns trennen, muss klar sein, wohin die Kinder gehören. Deutsche Gerichte gehen da völlig d'accord: gegen Mütter, die das Umgangsrecht aushebeln wollen, haben Väter keine Chance. Doch das Nest ist halb leer, in dem der Vater fehlt. Verarbeitet wird das Dilemma unter Müttern in der stillschweigend geteilten Erfahrung, dass der Vater halt nicht so wichtig ist. Doch das ist nicht mehr als ein Notbehelf, um sich den Mangel schönzureden. Zwei Elternteile, die sich zusammen oder getrennt um ihre Kinder kümmern, sind immer noch der beste Schutz für´s Aufwachsen der Kinder. Dass Frauen den öffentlichen Raum erobert haben, die Männer aber den familiären bisher nicht überzeugend besetzen konnten, bezahlen Frauen mit latenter Überforderung, Männer mit Randständigkeit und tendenzieller Entbehrlichkeit.
Ich werde tapfer sein und einfach gute Miene zum blöden Spiel machen, wenn mir überall betrunkene Männer mit Bollerwagen im Weg stehen, und stattdessen dem männlichen Elementarteilchen im Familienuniversum einen freundlichen Blick zuwerfen. Ich trau mich mal: Väter sind was Wunderbares und oft viel besser als ihr Ruf, oder?
Herzlich grüßt Sie,
Gerlinde Unverzagt
09.05.10 Frühstück ja, Pralinen nein - von Gerlinde Unverzagt
Vielleicht, liebe Frau Kloepfer, habe ich ja recht und wollte doch eigentlich nur meine Ruhe – vor den Geschäftemachern, nicht den Kindern. Als ich vor drei Tagen in einer Drogerie versuchte, Rohrreiniger, Nagellackentferner und fünf neue Zahnbürsten zu erstehen und beim Bezahlen von der Kassiererin mit drängender Freundlichkeit an den Muttertag gemahnt und dann mit einem Geschenkcoupon ausgestattet wurde, der mir kostenlose Lieferung eines Rosenstraußes an meine Mutter in Aussicht stellte, insofern ich bereit wäre, ihr einen zu senden und nicht mehr als zehn Euro dafür berappen zu müssen - super-dooper-dumping-Angebot- , ist mir der Schreibkamm geschwollen. Was soll der Mist? Warum herzlich, wenn´s auch billig geht.
Und Sie haben hier bei mir mit Ihrer Replik jetzt abseits von Recht und Ruhe ziemlich viel Rührung veranlasst, wie es eigentlich sonst nur mein Jüngster schafft, wenn er mir zum Muttertag einen Kaffee ans Bett bringt, mit einem geklauten Fliederzweig wedelt und einen bemalten Eierkarton zum Krokodil ausruft: Nur für dich, Mama.
Ja, mein Bücherregal ist voll von gebastelten Scheußlichkeiten – unaussprechlichen Werken, für die nicht die Optik, sondern allein der Wille des Schöpfers spricht. Ja, ich werde auch dieses Mal genüsslich dem Geschepper und den Flüchen in der Küche lauschen, wo sich (hoffentlich) vier junge Menschen mit der Frage befassen, wie stark genau mein Kaffee sein soll und ob es mir gefällt, dazu ein Brötchen und die Zeitung serviert zu bekommen. Ja, es würde mich stören, zum Muttertag nur Glückwünsche von Ikea aus dem Briefkasten zu fischen.
Und eigentlich stört mich nur, wie jede kleine menschliche Regung, jedes Fitzelchen Liebe, jede Restsüße von durchaus einleuchtend zu installierender Dankbarbeit in ein Ware-gegen-Geld-Verhältnis, powered by emotion (vulgo: schlechtes Gewissen) verwandelt wird, von dem welche, die das gar nichts angeht, unbedingt profitieren wollen: Floristen, Pralinenhersteller, Telefonanbieter und jetzt halt auch noch Schleckerschen Sonderangebote. Die Dritten, die profitieren und Kasse machen – von intimen Vorgängen wie Dankbarkeit, Freude und Rührung, Liebe - die eigentlich Familien exklusiv vorbehalten sein sollten.
Ich weiß, das ist jetzt eine sehr sentimentale Spielart allwabernder linksinspirierter emotionsaffiner und dem Gedanken an mehrwertschaffende Aktivitäten sehr ferne Kapitalismuskritik. Sehen Sie mir das bitte nach. Sollen wir wirklich nur am Muttertag gewürdigt, am Valtentinstag geliebt, begehrt und mit Blumen beehrt und am Geburtstag gefeiert werden? Weniger wäre mehr, finde ich, vom wenigen aber jeden Tag ein Stück mehr – und gerne aus dem non-profit-Bereich. Beispielsweise „Danke fürs Kochen“ vorm Essen. Was meine Kinder, der Wahrheit die Ehre, sagen, bevor sie täglich mit Gabel und Messer auf das losgehen, was ich gekocht habe. Das machen sie, seit mein Vater ihnen das vor vielen Jahren vorgemacht hat. Und das freut mich täglich mehr als bemalte Eierkartons und vorgestanzte Liebeserklärungen in Linoldruck. Und das dient meiner Lebensfreude, ohne dass irgendjemand Drittes daran verdient.
Ihnen einen feinen Muttertag!
Und nächste Woche reden wir mal darüber, warum und wie man Väter eigentlich artgerecht feiern kann, okay?
Sehr herzlich,
Gerlinde Unverzagt
Kommentar des Tages
Thilo Sarrazin und die Moral
Der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben. Es heißt "Deutschland schafft sich ab". Im Kern wird darin festgestellt, dass intelligente und gebildete Deutsche gerne darauf verzichten, sich das Leben mit Kindern zu beschweren. Unintelligente und ungebildete Einwanderer dagegen gründen Familien. Deshalb, so folgert Sarrazin, wird Deutschland dümmer. Sind das Buch und sein Autor deshalb unmoralisch? [>]
Ein Kommentar von:
Ursula Weidenfeld
www.das-tut-man-nicht.de
Wenn man Mutter wird, kriegt man´s nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Vätern zu tun. Und die ganze Gesellschaft kommentiert. Deshalb zucken wir schuldbewusst zusammen, wenn mal wieder im Fernsehen oder in der Zeitung von multiplem Versagen moderner Mütter die Rede ist. Außer den Kindern selbst scheint niemand allzu viel von Müttern zu halten.