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07.05.10 Muttertag muss bleiben - von Inge Kloepfer
Sie haben ja eigentlich recht, liebe Frau Unverzagt. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der "Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber" sich die Sache mit dem Muttertag Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts aus Amerika abgeschaut und frech zu eigen gemacht hat. Der Versuch seinerzeit, ihn in Deutschland zu etablieren, war ganz offensichtlich von nachhaltigem Erfolg gekrönt. Schließlich werden an jenem Tag für die Mütter hierzulande huntderte von Millionen Euro ausgegeben. Was jenseits des Atlantiks 1865 von den Frauen selbst als Mother’s Friendship Day in ehrenhafter frauenpolitischer Absicht ins Leben gerufen wurde, haben die Männer in Deutschland von vornherein zum Geschäft gemacht. Wahrhaft tüchtig! – denn eine Mutter hat nun einmal jeder.
Im Grunde müsste einen das als Mutter ärgern. Tagein tagaus rackert man sich ab. Und passend zum zweiten Mai-Sonntag stellt sich bei den Angehörigen just jenes schlechte Gewissen ein, an dem Dritte dann Millionen verdienen.
Trotzdem: Ich würde auf diesen Tag nicht verzichten wollen – vor allem der Kinder wegen. Immerhin rasen sie ja nicht allesamt in Blumen- oder sonstige Geschenkläden, sondern machen sich ernsthaft Gedanken, wie sie ihren Müttern jenseits von Geburtstag und Weihnachten eine Freude machen könnten. Meist angehalten durch eifrige Lehrer- und Erzieherinnen, die schon Wochen vorher in unseren Bildungseinrichtungen mit der Planung diverser Basteleien beginnen. So beschäftigen sich zumindest die lieben Kleinen mehrere Tage im Jahr voller Inbrunst in Gedanken mit ihren Müttern und deren täglichem Einsatz. Der ist zwar eigentlich selbstverständlich, denn die Kinder wurden ja nie gefragt, ob sie eigentlich geboren werden wollten, doch ein wenig anerzogene Dankbarkeit kann auch nicht schaden. Wollen Sie den Menschen all das wirklich austreiben? Bitte nicht.
Ich bin also alles andere als Ihrer Meinung und empfinde unseren kleinen Disput als Anregung, meiner Mutter zum Sonntag endlich einmal wieder ein paar Blumen auf den Weg zu bringen. Das habe ich schließlich seit Jahren nicht getan – wahrscheinlich seit ich selbst Mutter bin und meine Mutter vor allem Großmutter meiner Kinder wahrnehme.
Also, lassen wir bitte alles beim alten. Wenn Sie etwas abschaffen möchten, dann lieber diesen unsäglichen Vatertag. Es grüßt sie wie immer herzlich
Ihre Inge Kloepfer
02.05.10 Muttertag gehört abgeschafft - von Gerlinde Unverzagt
Heute in einer Woche sind wir wieder fällig, liebe Frau Kloepfer, und kommen an unserem Ehrentag praktisch kaum vorbei. Und wissen Sie was: Ich bin dagegen!
"Muttertag ist der einzige Tag im Jahr, an dem man Mama nicht ärgern darf!" Mit diesen schlichten Worten erklärte mein kleiner Bruder sich und seinen Schwestern vor vielen, vielen Jahren den merkwürdigen Umstand, dass unser Vater wie andere Väter auch an diesem Sonntag zum Tischdecken, Kaffeekochen und Wohlverhalten anhielt. Blumen wurden gereicht. Schon in den Tagen vor dem zweiten Maisonntag sind in Kindergärten, Schulen und am Küchentisch gewöhnlich heute noch die Teufel los: Es wird gebastelt, gemalt, geklebt und geschnippelt, bis die Schwarte kracht. Als ob das nicht schon genug wäre, rüsten Pralinenfabrikanten, Nippeshersteller und Blumenhändler zum Großkampftag. Es dudelt auf allen Kanälen eine Kakophonie von Untertönen: ein vielstimmiges Lied von der Notwendigkeit, doch einmal (!) Danke zu sagen:
Nur deshalb wird so unerschöpflich Material feil geboten, um Muttern nach Strich und Faden zu ehren - wenigstens einmal im Jahr. Und die restlichen 364 Tage vergehen wie gehabt: Soll sie doch zusehen, wie sie Job und Kinder gestemmt kriegt. Ist sie doch selbst schuld, wenn sie zu Hause den Löwenanteil beim Putzen, Backen, Waschen und Kochen leistet. Ist doch ihr Problem, wenn sie sich Kinder anschafft!
Die Diffamierung und Diskriminierung erwachsener Frauen durch duftende Gewächse darf nun schon auf eine fast hundertjährige Geschichte zurückblicken. Seit die Frauen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen, ihre Hälfte des Himmels einzufordern - Arbeit, Bildung, eigenes Geld - floriert der Umsatz, denn er wurzelt im nährenden Dung der Schuldgefühle. Schlechtes Gewissen macht gute Geschäfte: Einmal im Jahr werden Mütter über die fehlende gesellschaftliche Anerkennung ihrer Leistung, ausbleibende Unterstützung ihrer Männer und, ja, auch den Ärger mit den Kindern, hinweggetröstet und mit unaussprechlichen Bastelarbeiten, Hochkalorigem und Millionen pflanzlicher Gegengaben, die kurz vor dem großen Tag über die Ladentische wandern, umfassend entschädigt. Na toll. Aber Danke für die Blumen!
Finden Sie das gut?
Herzlich grüßt Sie
Gerlinde Unverzagt
26.04.10 Sparpotential - von Gerlinde Unverzagt
Nein, liebe Frau Kloepfer, nein!!!, das hat mein Jüngster entsetzt gerufen, als ich ihm letzte Woche vorschlug, anlässlich des Boy´s Day doch mal in den Arbeitsalltag einer Friseuse, einer Putzfrau oder einer Hebamme hineinzuschnuppern. Das macht er nicht, hat er kategorisch verkündet, denn er wird mal Pilot. Sein Tonfall war ähnlich entschieden wie vor zwei Jahren, als er noch Müllmann werden wollte. Was tut man da, wenn man Ihrem guten Gedanken, wonach das Potenzial gehoben werden muss, grundsätzlich nicht abgeneigt sein und auch nicht kaltherzig die „Tipps zu gendersensiblen Sprache und Kommunikation“ links liegen lassen will, die das Familienministerium auf der Boy´s-Day-website anbietet?
Ich bat also meinen jüngeren Sohn beim Abendessen höflich, mir die Salzstreuerin zu reichen und warb in warmen Worten für die schöne Idee, dass es doch gut wäre, wenn jeder alles werden könnte und nicht nur die Mädchen Lehrerin und die Jungen Ingenieure, sondern auch umgekehrt. Blankes Unverständnis schaute mich an. „Wieso kann nicht einfach jeder machen, was er will?“, sprach meine Tochter die Fragen aller Fragen aus. „Ich kenne jedenfalls keinen Jungen, der Friseuse werden und kein Mädchen, das Baggerführer werden will.“ Die Sache mit dem Potenzial haben sie nicht gelten lassen. Auch wofür man jetzt einen Extra-Tag braucht, der Jungen und Mädchen die Vorzüge des jeweils gegengeschlechtlichen Berufsrollenentwurfs veranschaulicht, war ihnen nicht plausibel zu machen. Ich schließe mich dem jetzt mal an.
Wenn ich mir überlege, was so ein Tag den Steuerzahler kostet, wenn er ministeriell beworben wird, damit das aktuell für richtig befundene Leitbild auch den Weg in die Köpfe findet, entdecke ich – pardon – Sparpotential. Wenn ich an die ganzen Projekte denke, die mit Steuergeldern gefüttert werden, um den Jungs die richtige Denke nahezubringen, freue ich mich natürlich für den journalistischen, öffentlichkeitsarbeitenden, therapeutischen und sozialarbeiterischen Komplex, der in den Märkten der Sorge eine neue Nische namens „Jungenarbeit“ aufgetan hat, die sich zur Erwerbsgenerierung eignet. Wenn ich überlege, ob das eigentlich zur Staatsaufgabe hochgejubelt werden muss, dass Jungs Lehrerin und Mädchen Müllmann als Beruf in Betracht ziehen, fällt mir Karl Kraus ein: Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.
Ein Blick in den Kalender mag die Dinge relativieren. Außer uns haben da noch andere ihre festen Tage. Ich fand den Tag des Baumes, des Kindes, des Buches, des Denkmals, des Kinder-und Jugendbuches, aber auch der Bücherverbrennung, den Weltgesundheits- und den Weltnichtrauchertag, auch den Weltumwelttag, den Internationalen Museumstag und den Welttag der Poesie. Da schaffen wir den boy´s day doch noch locker! Das gute an Tagen ist ja, dass sie irgendwann immer vorbei sind.
Ich grüße Sie herzlich!
Gerlinde Unverzagt
22.04.10 Ein Boy's Day wird's nicht richten - von Inge Kloepfer
Das wäre doch mal eine gute Nachricht für unsere Jungs, liebe Frau Unverzagt: Die frisch gebackene Bundesfamilienministerin will jetzt als Pendant zum Girl’s Day einen Boy’s Day einführen. Der „Mädchen-Tag“, wie er ja in korrektem Deutsche eigentlich heiße müsste, sollte den weiblichen Nachwuchs schon von der 5. Klasse an für Berufe interessieren, die der typischer weise nichts in Auge fasst. Also mehr Technikinteresse bitte, das dann mehr Ingenieurinnen statt Friseurinnen oder Übersetzerinnen hervorbringt. Sicher alles richtig, schon allein angesichts der demografischen Entwicklung. Das Potential muss schließlich gehoben werden. Seit zehn Jahren nun gibt es diesen Tag – mit ehrlich gesagt dürftigem Erfolg.
Bei den Jungen soll es nun umgekehrt zugehen. Auf ihrem „Jungen-Tag“ sollen die vermeintlichen Technik-Freaks und Raufbolde nun für die klassischen Frauenberufe interessiert werden. Sicher auch nicht falsch. Denn es wäre ja schön, wenn es mehr Erzieher gäbe und mehr Grundschullehrer. Ob es allerdings überhaupt noch zeitgemäß ist, diese Berufsorientierungstage wiederum getrennt geschlechtlich zu organisieren, steht wirklich in Frage.
Die Ministerin ihrerseits verfolg mit dem neuen Boy’s Day ab 2011 ein hehres Ziel: Sie hofft, das Jungen-Problem überhaupt in den Griff zu bekommen, fehlten den lieben Kleinen in Kindergarten und Schule doch ganz offenbar die richtigen Rollenvorbilder.
Nicht ganz falsch, aber doch irgendwie sehr kurz gedacht, finden Sie nicht, liebe Frau Unverzagt. Zwar scheint auch zur Ministerin inzwischen durchgedrungen, dass Jungen in der Schule schlechter abschneiden als Mädchen und viele der Jugendprobleme, über die in Deutschland immer wieder diskutiert wird, nun einmal hauptsächlich „Jungenprobleme“ sind. Doch wirkt vor diesem Hintergrund das Ansinnen, vom nächsten Jahr an einen Boy`s Day zu institutionalisieren, wie Aktionismus und in seiner Naivität sogar auch noch ein wenig trist. Dazu kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass sich die neue Ministerin von ihrer Vorgängerin dringend absetzen und profilieren will. Was von der Leyen für Frauen, vor allem aber für Mütter und Mädchen getan hat, macht Schröder jetzt eben für Väter und Söhne. Da käme so ein Boy’s Day wohl nicht schlecht, mag sich die frisch verheiratete Schröder gedacht haben. Doch auch für das Ziel ihrer Profilierung ist die Idee dieses Jungen-Tages ziemlich erbärmlich. So einfach kann man es sich eben nicht machen. Der Boy’s Day wird belanglos bleiben. So viel ist sicher.
Denn: Bringt er uns bessere Jungen und engagiertere Väter? Nicht wirklich. Um den Schwierigkeiten auf den Grund zu gehen, die die Jungen von heute in unseren Bildungssystemen von gestern haben, müsste man sich wohl ein bisschen mehr einfallen lassen als das. Am Ende geht es vor allem darum, die Jungs irgendwie durch die Schule zu bringen, am besten bis zum Abitur. Denn ist das erst einmal geschafft, kann man sich sicher sein: Die Jungen haben am Ende die Nase vorn, sie bekommen die besseren Gehälter und erzielen damit die höheren Bildungsrenditen. Und die jungen Frauen haben das Nachsehen. Übrigens obwohl sie seit Jahren angeblich von einem Girl’s Day profiteren.
So einfach ist das eben mit der Politik. Und ehrlich gesagt so unbefriedigend.Ich grüße Sie herzlich und verspreche Ihnen trotzdem, dass ich die Sache mit dem neuen Boy’s Day mal meinem Jungen erzähle.
Ihre Inge Kloepfer
07.04.10 Nicht immer von schlechten Eltern - von Gerlinde Unverzagt
Von ganzem Herzen, liebe Frau Kloepfer, danke ich Ihnen für die schönen Worte über mein Buch. Natürlich bin ich für Lob empfänglich, doch mehr noch freut mich, dass Sie meine Gedanken wert fanden, aufgegriffen zu werden. Denn nichts wäre für mich schlimmer als zu lesen, hä, was will die eigentlich?
Frohgemut gehe ich mit Ihnen auf´s dünne Eis Ihrer Frage, was wir mit jenen Eltern tun, die ihre Erziehungsverantwortung so gar nicht wahrnehmen wollen oder können. Ich leugne gar nicht, dass es Erziehungsversagen gibt. Es gibt auch Idioten, die betrunken über rote Ampeln brettern. Deshalb würde man aber doch nicht allen Autofahrern grundsätzlich die Fähigkeit zur besonnenen Fahrweise in Abrede stellen – sozusagen unabhängig von dem Modell, in dem man unterwegs ist. Ob Rostbeule oder Luxuskarosse sagt noch gar nichts über die Fahrtüchtigkeit des Lenkers.
Je länger ich mir das anschaue, desto mehr Arten von wahrgenommener Erziehungsverantwortung sehe, weshalb ich die Beurteilung schwierig finde, wie man das etwa richtig machen könnte. Und damit sind wir mitten in den Schwierigkeiten drin. Wer sagt denn, dass und warum manche Eltern in der Erziehung versagen? Aus Gesprächen mit meinen türkischen, libanesischen und arabischen Freunden weiß ich, dass die sich oft insgeheim wundern, wenn ihnen die Lehrer sagen, sie sollten ihre Kinder besser erziehen. Denn das hatten sie fälschlicherweise für die Aufgabe der Schule gehalten – damals, als sie ganz neu in Deutschland waren. In der Türkei findet man es normal, die Söhne zu hätscheln und zu päppeln, die Töchter zur Mitarbeit im Haushalt anzuhalten und die Erziehung –also das Winterhoffsche „Einschleifen von Grundfunktionen“- dem dafür Zuständigen, dem Lehrer zu überlassen. Ist nur ein Beispiel, aber wenn wir wollten, könnten wir hunderte davon zusammentragen. Für mich ist das der Segen der Differenz.
Die richtige Erziehung –als Bringschuld der Eltern- gibt es nämlich gar nicht. Was sollte das auch sein? Die ordnungsgemäße Alimentierung des Nachwuchses mit Lernsoftware, Bildungsbeschleunigern, Markenklamotten und Bio-Essen? Da kann die Unterschichtsmutter nur schuldbewusst das Haupt senken, denn da kann sie nie mithalten. Und das schlechte Gewissen ist kein guter Ratgeber, besonders weil es den Blick auf Mangel lenkt – und nicht auf die Fülle, die in Familienbeziehungen blüht. Auch die Unterschichtsmutter liebt ihre Kinder, und kauft ihnen deshalb Süßigkeiten oder Plastikspielzeug und hält an diesem schändlichen Verhalten sogar fest, wenn der Bund deutscher Zahnärzte dann in den löchrigen Milchzähnen Spuren sozialer Verwahrlosung entdeckt. Wie Untersuchungen immer wieder zeigen: Wenn der Job verloren geht, das Geld knapp wird, die Verhältnisse ins Wanken kommen – am Kind wird zuletzt gespart.
So wodka- und flachbildschirmaffin sind die allerwenigsten Elternhäuser, dass diese elementare Bindung aus Liebe spurlos an ihnen vorübergeht. Eltern lieben ihre Kinder um ihrer selbst willen. Alle anderen am Kind und seinen Erwachsenen interessierten Kreise haben ganz andere Interessen: Waren und Dienstleistungen zu verkaufen, Einfluss zu gewinnen und auszubauen. Dass sich das alles prima unter dem Mäntelchen des Kindeswohls verstauen lässt, ist gar kein Widerspruch. Der Bund der Psychologen, der uns vor einem halben Jahr vorgerechnet hat, dass Millionen von Eltern verunsichert und überfordert sind und psychologische Hilfe brauchen, hat ja wohl auch das darunter leidende Kind im Auge. Und klingt so glaubhaft wie sagen wir, Nestle oder Ferrero, die uns vorrechnen, dass die deutschen Kinder dramatisch unterzuckert seien.
Genauso sehe ich Ihren Gedanken, dass man zum Wohle der Kinder erst einmal die Eltern erziehen müsste. Wozu? Und vor allem von wem? Vielleicht bräuchten die Eltern dringender als Erziehung einfach nur einen Job, der die Familie ernährt.
Was wir mit den Eltern machen sollen, liebe Frau Kloepfer, ich weiß es nicht. Eingreifen, wo Kinder Schaden nehmen, ganz klar. Außerfamiliär beste Verhältnisse schaffen: gute Schulen wären da so eine Idee. Vielleicht müssen wir alle erst einmal aufhören, mit Fingern auf die zu zeigen, die nach landläufiger Meinung so viel falsch machen. Ich antworte Ihnen mit ein paar Zeilen von Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“
Poetische Antworten auf nüchterne tagesaktuelle Fragen, bitte lassen Sie mir das einmal mehr durchgehen. Wäre es nicht schön, sich einfach von Gelassenheit, Eigensinn, Alltagsvernunft und Liebe leiten zu lassen? Und wenn uns Kinder begegnen, erst einmal zu denken: Nicht von schlechten Eltern.
Herzlich grüßt Sie
Gerlinde Unverzagt
03.04.10 Unverzagt's Elternermächtigung - von Inge Kloepfer
Wie Sie mir aus der Seele sprechen, liebe Frau Unverzagt! Vor kurzem habe ich die Lektüre Ihres jüngst erschienen Buches „Eltern an die Macht“ beendet, meinen Mann mit immer neuen klugen Zitaten aus ihrer Feder bombardiert, meinen Kindern die eine oder andere Passage vorgelesen – ob sie wollten oder nicht – und jetzt sollen es auch noch unsere lieben Blogleserinnen schwarz auf weiß bekommen: Dieses Buch ist seine Zeit wirklich wert!
Sie, liebe Frau Unverzagt, haben ein Buch geschrieben, das einen – als Mutter zumal – in den permanenten Zustand der Selbstreflexion versetzt. Und zwar im durchaus positiven Sinnen. Immer wieder öffnen Sie uns die Augen, wie sehr wir uns bereits im Netz der vermeintlich wohlmeinenden, nicht selten geschäftstüchtigen Ratgeber verheddert haben und in unserer natürlichen Erziehungsintuition vollkommen verunsichert sind.
Wenn ich nur darüber nachdenke, auf wen ich alles höre, wie ich versuche, allen Anforderungen gerecht zu werden, um meine Brut unter den Argusaugen einer zunehmend misstrauischen Öffentlichkeit zu wohlgeratenen, leistungsstarken Prachtexemplaren zu formen, die der Gesellschaft nicht nur gefallen, sondern sogar Bewunderung hervorrufen und zudem im ökonomischen Sinne Zukunftsnutzen stiften! Und das alles nur, um mich wiederum selbst bestätigt zu sehen in meinem Tun. Schließlich widme ich einen Gutteil meiner Nachmittage, Abende und Wochenenden den Kindern. Das übrigens tue ich wirklich gerne, wenn mir nicht wieder einer reinredet, den ich nicht gefragt habe. Ihr Buch also hat mich reichlich sensibilisiert für all die Einflüsterungen, denen ich erliege, ohne es zu merken, und die mir jenes permanente Unbehagen bescheren, das Erziehung unter heutigen Bedingungen offenbar mit sich bringt. Der Zürcher Pädagoge Jürgen Oelkers hat einmal gesagt, Erziehung sei heutzutage vielfältiger geworden, schwieriger und unwägbarer in ihren Erfolg. Das ist sicher richtig. Nur muss einem deshalb immer jemand hineinreden?
Revoltiert habe ich übrigens immer einmal wieder gegen dieses pädagogische Comme-il-faut. Vor ein paar Jahren zum Beispiel las ich das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“, denn meine Kinder schliefen nicht. Ich folgte den Verhaltensregeln – erfolglos. Nein, meine Kinder konnten eben nicht schlafen lernen oder wollten es nicht. Den schwarzen Peter hatte aber mal wieder ich als Mutter. Offenbar hatte ich bei der Anwendung der Regeln so ziemlich alles falsch gemacht und hätte im Buchhandel eigentlich den Ratgeber zum Ratgeber erstehen müssen. Das aber tat ich nicht. Stattdessen habe ich das Buch in die Ecke geschmissen und beschlossen, aus der nächtlichen Völkerwanderung kein großes Thema mehr zu machen, also nächtens weder zu zetern noch zu trösten. Das Problem hat sich dann ziemlich schnell von selbst erledigt.
Dank Ihres Buches erkenne ich jetzt die wahre Natur der Ratgeber, der Psychologen und schreibenden Übermütter, die meinen, einen mit ihren Ratschlägen in einen Machbarkeitswahn versetzen zu müssen, an dem man als Mutter eigentlich verzweifeln muss, weil Kinder nun einmal keine Maschinen sind.Ihre Streitschrift für mehr elterliches Selbstbewusstsein kommt genau zur richtigen Zeit.
Lassen Sie mich dennoch eine Frage herausgreifen, auf die ich in ihrem Buch keine Antwort finde. Was nämlich ist mit jenen Eltern, die ihre Erziehungsverantwortung so gar nicht wahrnehmen wollen oder können? Was tun mit jenen Vätern und Müttern aus sozial benachteiligten Schichten, die ihren Kindern weder den Schutzraum für körperliche und seelische Unversehrtheiten bieten, noch irgendeine Unterstützung angedeihen lassen, damit sie in unserer Leistungsgesellschaft irgendwann einmal zurecht kommen? Nehme ich Sie bei Ihren Zeilen, dann müsste ich mir diese Frage eigentlich verkneifen. Und das, obwohl man die Beweise eines elterlichen Erziehungsversagens oder –unwillens gehäuft vor allem in bestimmten Stadtteilen und Schulen begutachten kann. Erziehungskatastrophen, die sich vielfach am unteren Rand der Gesellschaft abspielen, sind wirklich nicht zu leugnen. Wie würden Sie, liebe Frau Unverzagt, darauf denn reagieren? Die vielen Ratgeber, Psychologen, Pädagogen und Autoren tun es gar nicht. Sie nehmen diese Milieus erst gar nicht ins Visier, denn sie wissen ja, dass die Eltern dort nicht allzu viele Bücher kaufen und schon gar nicht das Problembewusstsein entwickeln, dass sie den einen oder anderen Ratschlag vielleicht doch gebrauchen könnten. Der Lektüre Ihres Buches zum Trotz wage ich die Behauptung, dass es Schichten gibt, in denen man zum Wohle der Kinder erst einmal die Eltern „erziehen“ müsste. Doch weiß ich auch, dass ich mich mit dieser Behauptung hier auf dünnes Eis begebe.
Alles in allem hat mich Ihr derart eindrückliches Eltern-Ermächtigungswerk – auch das will ich Ihnen nicht verhehlen – dazu veranlasst hat, alle Eltern- und Erziehungsratgeber aus dem dafür eigens eingerichteten Regalfach zu entsorgen. Ich habe sie in die Altpapiertonne geworfen und beschlossen, mir dafür nur Ihres auf den Nachttisch zu legen. Für all die Tage, an denen ich mal wieder vollkommen verunsichert bin, weil nichts so läuft, wie es laufen sollte, weil sich die Lehrer beschweren und mir unsere Politiker medial vermitteln, was ich zu tun und zu lassen habe. Und weil mir niemand abnehmen will, dass ich mir wirklich Mühe gebe. Dann lese ich die so wahren Sätze am Ende Ihres Buches, die sich in dem Kapitel „Jetzt reicht’s“ wiederfinden“
„Familie ist nicht alles, aber ohne Familie ist alles nichts: Eltern müssen ihren Platz zurückerobern und gegen Übergriffe und andere Grenzverletzungen verteidigen. Sie müssen stehen – gegenüber den Kindern nach innen und gegenüber einer äußeren Umgebung, die von Effizienzgedanken, Kosten-Nutzen-Erwägungen und Soll-und-Haben-Bilanzen durchsetzt ist, leben sie den subversiven Gegenentwurf: als Lebensbereich, in dem Beziehungen spontan und vielfältig sind, keiner vertraglichen Grundlage bedürfen und trotzdem ein Leben lang halten.“
Beziehungen, die ein Leben lang halten – das ist es, wofür es sich zu leben lohnt. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich danke Ihnen für Ihr Buch und grüße herzlich
Ihre Inge Kloepfer
23.03.10 Die Frauen und das liebe Entgeld - von Inge Kloepfer
Warum, liebe Frau Unverzagt, behandelt die deutsche Unternehmenslandschaft ihre Frauen so schlecht? Die Frage ist immer noch gänzlich ungeklärt. Wir hatten uns unlängst daran versucht, dabei allerdings den Aspekt ausgeblendet, dass Frauen daran selbst nicht ganz unschuldig sein könnten. Denn Nestbeschmutzerinnen wollten wir par tout nicht sein. Tatsache jedenfalls ist, dass sich bei den Gehältern von Frauen und Männern in Führungspositionen noch immer eine tiefe Kluft auftut. Das entnahm ich in dieser Nachricht, die mir die Forscherin Elke Holst vom DIW zuschickte. Lesen Sie selbst einmal hinein:
Frauen sind nicht nur wesentlich seltener in Führungspositionen vertreten, sie verdienen dort auch weniger als ihre männlichen Kollegen: 2008 liegt der Verdienstunterschied unter den in Vollzeit angestellten Führungskräften bei 28 Prozent. Dies geht aus den jüngsten Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) hervor. Die in der Privatwirtschaft angestellten weiblichen Führungskräfte verdienen demnach monatlich durchschnittlich 3410 Euro brutto, die männlichen 4760 Euro. Darüber hinaus erhalten Männer auch höhere jährliche Sondervergütungen wie Gewinnbeteiligungen, Gratifikationen und Prämien. Diese liegen im Durchschnitt mit 9870 Euro um 36 Prozent über jenen der Frauen (6360 Euro). „Die Lohnkluft zwischen Frauen und Männern ist damit in Führungspositionen höher als im Durchschnitt der Erwerbstätigen“, sagt Elke Holst vom DIW Berlin. Insgesamt hatte das Statistische Bundesamt kürzlich einen Wert von 23,2 Prozent für Deutschland ausgewiesen. In der EU gehört Deutschland damit zu den Schlusslichtern. Im EU-Durchschnitt liegt die Verdienstungleichheit bei 18 Prozent.
Ich habe mich in dieser Frage bei mir bekannten berufstätigen Frauen und Müttern einmal umgehört. Dabei erschreckte mich die Erkenntnis, dass die meisten von ihnen gerade diesen – immerhin recht zentralen – Aspekt ihres Arbeitsverhältnisses einfach ausblenden. Sie zogen erstaunt die Augenbraun hoch und fragten allen Ernstes, ob dies wirklich so sei. Bei ihnen, so versicherte die Mehrzahl, verhielte es sich anders. Sie würden ihren männlichen Kollegen sicher in nichts nachstehen. Als ich dann noch einmal nachsetzte und fragte, ob sie denn wüssten, was ein männlicher Kollege so Monat für Monat nach Hause trage, erntete ich ein weiters Mal großes Erstaunen. Wieso, hieß es darauf, das könne man gar nicht wissen, weil über die individuellen Gehälter mit dem Arbeitgeber nun einmal Stillschweigen vereinbart worden sei. Aha!
Ein wenig Transparenz könnte da sicher weiterhelfen – auch wenn sie unangenehme Erkenntnisse zutage förderte. Aber immerhin könnte diese dazu führen, dass Frauen endlich einmal auf die Barrikaden stiegen. Wenn das nur nicht so grausam unserem Naturell zuwiderliefe…
Es grüßt sie wie immer frohen Mutes
Ihre Inge Kloepfer
16.03.10 Für einen Burnout keine Zeit - von Inge Kloepfer
Hatten Sie, liebe Frau Unverzagt, schon einmal einen Burnout? Ich verlange jetzt ehrlich gesagt überhaupt kein Bekenntnis, schon gar kein öffentliches. Aber vielleicht lohnt es sich ja, mal darüber nachzudenken. Nicht dass Ihnen da etwas entgangen wäre!
Ich jedenfalls hatte noch keinen, oder befand mich zumindest noch nicht in einem Zustand, der jene Symptome aufweist, die die Kommunikationskünstlerin und Professorin in St. Gallen Miriam Meckel in ihrem neuen Buch beschreibt. Ich habe also gar nichts zu berichten. Denn wie wir nach medialer Berieselung mit Meckelschen Ergüssen inzwischen wissen, gehört der Burnout als Lebenserfahrung zur Leistungsgesellschaft und zum Erfolg. Weil man nach einem Burnout nämlich wahrhaft von sich behaupten darf, alles gegeben zu haben. Wahrscheinlich habe ich das nicht. Und mehr wäre möglich. Nur kann ich mir einen Burnout mit drei Kindern gar nicht leisten. Wie soll denn das gehen? Fünf Wochen Klinikaufenthalt und danach reichlich Zeit zur Selbstreflexion, um seinen eigenen Burnout erfolgreich zu vermarkten? Nur damit auch diese Zeit nicht verloren und aus der Krise Kapital geschlagen wäre.
Nun redet die ganze Republik also nicht mehr über die Finanzkrise, sondern über die Verfehlungen klerikaler Pädagogen und den Burnout von Frau Meckel. Nun lernen wir, dass die Zahl derer, die sich ausgebrannt fühlen, extrem gestiegen ist. Jeder Neunte in Deutschland leidet bereits daran. Pfarrer, Betriebskrankenkassen und Psychologen schlagen Alarm. Eine ganze Industrie lebt von der Behandlung der Burnout-Leiden. Die Burnout-Patienten werden immer jünger und immer weiblicher. Unternehmen wissen angeblich gar nicht mehr, wie sie die Vakanzen füllen sollen, die ausgebrannte und über Monate krank geschriebene Mitarbeiter hinterlassen.
Burnout ist die neue Zivilisationskrankheit einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich vor allem um sich selbst drehen. Fragt man seine Eltern und andere Bekannte, die eine Generation an Lebenserfahrung mehr auf den Buckel haben, erntet man lediglich Schulterzucken. Burnouts habe es früher nicht gegeben. Schon gar nicht in Zeiten des Mangels nach dem Krieg. Auch nicht in den 60er oder 70er Jahren, in denen die Menschen nicht gerade wenig gearbeitet haben. Für Burnouts war gar keine Zeit. Als ich vor anderthalb Jahren meiner Mutter am Telefon gestand, ich hätte womöglich einen Burnout, weil ich über mehrere Wochen durch meine Einfallslosigkeit gänzlich paralysiert und ziemlich aus der Bahn geworfen war, riet sie mir lapidar, einfach die Wäsche aufzuhängen und danach ein Mittagsschläfchen zu halten. Soll ich Ihnen sagen, was ich darauf hin tat, liebe Frau Unverzagt? Ich dachte nicht weiter nach, sondern hielt mich daran. Tatsächlich befanden sich bereits geschleuderte Fußballklamotten in der Maschine. Ich hängte sie auf und legte mich ein Stündchen aufs Ohr. Irgendwie ging es danach dann weiter – so wie immer.
Vielleicht hätte ich, anstatt zu faulenzen, während meine Kinder die Schulbank drückten, lieber arbeiten sollen – bis zum Zusammenbruch. Dann hätte ich auch ein Thema gehabt. Oder meine Kinder. Die hätten dann ein Buch schreiben können über „Das Leben mit einer ausgebrannten Mutter“. Wenn sie denn die Zeit dazu gefunden hätten.
Spott beiseite: Womöglich bekomme auch ich irgendwann einen richtigen Burnout. Wundern würde es mich nicht. Drei Kinder in der Schule, reichlich Arbeit und dazu der Zwang, sich immer wieder neu zu erfinden, um im Geschäft zu bleiben. Sie kennen das alles. 15 Stunden-Tage – ohne Wochenenden! Denn an den Wochenenden läuft das Kinderprogramm auf Hochtouren. Genauso wie im Urlaub, wenn tagein tagaus irgendetwas zu organisieren ist, damit die Brut nicht vor dem Computer hockt. Nichts ist anstrengender als sechs Wochen Sommerferien. Damit bin ich natürlich nicht allein. Millionen von Müttern ergeht es so, ohne dass sie irgendeinen Bohai darum machten. Eigentlich sollte ich hier nicht weiter sinnieren – sonst bekomme ich schon bei dem Gedanken daran, was morgen, in der nächste und übernächsten Woche, nach den Osterferien, im Mai und so weiter alle ansteht, einen Burnout. Das allerdings, so versicherte mir neulich mein Mann, könne gar nicht geschehen. Denn, so seine Begründung, dafür würde ich mich viel zu wenig mit mir selbst beschäftigen.
Nun bleibt mir nur noch, Ihnen vorzuschlagen, sich gemeinsam mit mir ins Allgäu zurückzuziehen, in eine hübsche Klinik zur Erholung, um so einem Burnout vorzubeugen und damit die Welt vor allerlei Unsinn zu verschonen. Das wär’s doch, oder?
Mit dem Zuruf „Bleiben Sie entspannt!“ grüße ich Sie herzlich
Ihre Inge Kloepfer
10.03.10 Frauentage und Eierkartons - von Gerlinde Unverzagt
Am Montagmittag, liebe Frau Kloepfer, kam meine Tochter früher als erwartet aus der Schule – wegen des Frauentages war die letzte Unterrichterrinnenstunde ausgefallen. Plötzlich standen auch die drei anderen in der Küche und bekundeten Hunger zu haben. Und insgeheim war ich sehr stolz auf mich, mit fertig gekochtem Essen aufwarten zu können, obwohl ich heute Vormittag drei Termine, einen Artikel und zwölf Telefonate zu erledigen hatte. Ich stellte Teller, Besteck, Schüsseln und die Salzstreuerin auf den Tisch. Meine Tochter schwenkte einen Strauß Tulpen und verlangte nach einer Vase. Die ich ihr reichte, während ich die Nudeln umrührte und die Stirn runzelte, um eine Frage anzudeuten, die ich gerade nicht stellen konnte, weil ich mit dem Fußballtrainer meines Jüngsten die Modalitäten des nächsten Punktspiels am Telefon klären musste. Die Tulpen, sagte meine Tochter, seien von Konstantin, weil doch Frauentag sei. Eigentlich war nur eine für sie, aber die anderen Mädchen hätten sie nicht gewollt, deshalb habe sie alle mitgenommen.
Am Montagmorgen ganz früh habe ich auf dem Weg zum ersten Termin Radio Eins gehört, wo sie ganz ausführlich erklärt haben, was es mit dem Frauentag auf sich hat, wer ihn eingeführt (hallo!) und abgeschafft hat, und es waren die üblichen Verdächtigen. Dass es nur sieben Jahre gedauert hat, bis nach dem ersten Frauentag die Frauen auch wählen durften, fand ich ja schon immer klasse. Und ich muss sagen, das Wahlrecht für Frauen hat mich an diesem schönen Montag auch nicht weiter behindert in der langen Liste der lästigen Pflichten, die Montage wie alle anderen Tage Frauen und mutmaßlich auch Männern abzuarbeiten aufgeben. Danke dafür! Unklar ist mir noch, ob man sich da jetzt gegenseitig zu gratulieren muss, von irgendwem Blumen oder Pralinen erwarten soll oder sich jemanden wünschen muss, der die Kinder dazu anhält, unaussprechliche Dinge aus Eierkartons zu basteln. (Vom falls vorhandenen Mann in ein Restaurant eingeladen zu werden – da wäre ich ja sofort dabei.)
Vielleicht deswegen habe ich meine älteste Tochter dann gefragt, ob sie eigentlich wisse, wer Clara Zetkin war? „Nöö,“ zischte sie in Erwartung weiterer Ausführungen, „`ne Freundin von Dir?“ – „Nicht direkt“, redete ich mich raus und schlug einen ziemlich schlauen investigativ gemeinten und journalistisch inspirierten Haken, „aber warum kriegst du Blumen zum Frauentag und ich nicht?“ – „Ist vielleicht nur für schöne Frauen gedacht, der Gedenktag“, patzte sie zurück und stopfte die letzte Tulpe ins Glas. Hm. Muss ich wohl drüber nachdenken.
Dann bin ich aber doch hinter ihr hergehechtet, habe ihre Zimmertür aufgestoßen und geblafft, „weißt du eigentlich, was der Frauentag bedeutet?“ Sie hat extrem genervt, aber immerhin halblidrig von ihrem MacBook aufgeschaut, wo sie damit beschäftigt war, ihre mails bei facebook zu checken. „Nee, weiß ich nicht“, hat sie gestöhnt, „aber wenn du willst, kann ich´s googeln.“
Sie hat dann ihre kleine Schwester geschickt, die mir ausrichten sollte, dass der Frauentag vor hundert Jahren von irgendsoeiner Frau errichtet wurde. In Dänemark, England und Schweden, sprudelte die kleine Schwester dann auch noch in mein ratloses Gesicht.
Der Frauentag – ein Geschenk? Wenn das so ist, halten wir´s doch wie damals, wenn wir von ältlichen Tanten spitzenumhäkelte Taschentücher zu so aufregenden Geburtstagen wie dem vierzehnten bekamen. Man dankt artig, findet das Geschenk ausgesprochen praktisch und verstaut es im Schrank, wo man es zwei Minuten später vergessen hat. Und dann holt man es zu gegebenem Anlass wieder raus und verschenkt es weiter. Zum Beispiel in den Sudan, wo Frauen ausgepeitscht werden, wenn sie in der Öffentlichkeit Jeans tragen.
Mit schwesterlichem Schulterschluss in dieser Sache grüßt Sie herzlich,
Ihre
Gerlinde Unverzagt
08.03.10 Frauentage bringen nichts - von Inge Kloepfer
Ich frage mich, liebe Frau Unverzagt, was mir der 8. März eigentlich bringt. Ich meine dieses Datum, das vor 99 zum internationalen Frauentag ausgerufen und damit auch für mich ein Freuden- und Kampftag sein sollte. Ganz praktisch ist die Frage schnell beantwortet: Er bringt mir deutlich weniger Arbeitszeit, weil hier in Berlin die Lehrerinnen und Erzieherinnen alljährlich um 11.30 Uhr ihre Arbeit niederlegen, die Kinder nach Hause schicken und reihenweise zur Frauenversammlung ihrer Bezirke marschieren. Mit welchem Ziel auch immer. Da die überwiegende Mehrheit des pädagogischen Personals nun einmal weiblich ist, müssen die meisten Schulen am 8. März die Rollläden herunter lassen. Ohne Frauen geht eben in den Bildungseinrichtungen nicht mehr viel. So also klingeln meine Kinder kurz vor Mittag anstatt erst gegen 15 Uhr, was mir die Zeit zum Arbeiten ordentlich verkürzt.
Eine ausführliche Beantwortung der Frage danach, was der internationale Frauentag über die Jahre eigentlich wirklich bewirkt hat, erspare ich Ihnen. Dazu nur soviel: Im letzten Jahr haben 640 000 weniger Frauen full time gearbeitet als vor zehn Jahren – und das, obwohl sich der Anteil der Frauen im Erwerbsleben insgesamt erhöht hat. Die Zahl der Part-time-Jobs ist derweil um 1,13 Millionen gestiegen, die der Minijobs seit 2003 um 930 000. Immer mehr Frauen sind außerdem trotz Job auf staatliche Unterstützung angewiesen. Mehr noch: Frauen verdienen nach wie vor deutlich weniger als Männer – vor allem in Deutschland. Selbst bei gleicher Tätigkeit. Und: Die Zahl der Frauen in Führungspositionen ist wieder gesunken. Aber das wissen Sie ja längst – und nehmen diese Fakten wahrscheinlich einfach nur noch zur Kenntnis. So wie ich.
Als mehr als eine Arabesque würde ich diesen internationalen Frauentag demnach nicht bezeichnen wollen. Hübsch anzusehen und lieb gemeint. Alice Schwarzer findet ihn so oder so unnötig. „Schaffen wir ihn also endlich ab, diesen gönnerhaften 8. März! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer“, fordert die Herausgeberin der Zeitschrift „Emma“. Womöglich liegt der Grund für die ewige Malaise der Frauen mit ihrem Geld und ihren Einflussmöglichkeiten genau hier: Sie sind seit jeher auf die Gönnerhaftigkeit des anderen Geschlechts angewiesen, woran sich seit einem Jahrhundert nichts geändert hat.
Bleibt nur noch eine Frage: Was ist mit so jemandem wie uns, den Müttern, die auch arbeiten? Nun denn, mögen Sie vielleicht sagen, wir haben ja den Muttertag als unseren Ehrentag, an dem die Kinder kleine Geschenke machen, wenn es hoch kommt, den Frühstückstisch decken und der Mann, soweit vorhanden, der Familie ein Abendessen im Restaurant spendiert. Ich will nicht klagen – das alles ist wunderbar. Nur bleiben Mütter am Muttertag weiterhin im Dienst, sehen zu, dass der häusliche Laden auch des Sonntags weiter brummt und freuen sich eine Woche lang über das Tulpensträußchen auf dem Eßzimmertisch. Eine Einladung des Bezirksamts an alle Mütter ist mir dagegen bisher nicht ins Haus geflattert. Dabei wäre das mal was! Alle Mütter des Stadtteils auf einer Versammlung, Kinder und Väter allein zu Haus’. Wie amüsant…
Was die Lehrerinnen und Erzieherinnen an diesem Tag auf ihrer Versammlung wirklich treiben, was sie besprechen und welche Fragen sie womöglich zu lösen versuchen, würde ich übrigens gerne einmal wissen. Doch will es mir nie gelingen, dort „undercover“ einfach vorbeizuschauen. Denn schließlich bleibe ich zuhause und kümmere mich derweil um meine Kinder. Schon aus praktischen Erwägungen pflichte ich Alice Schwarzer also bei: Dieser Tag gehört abgeschafft.
Es grüßt Sie unverdrossen
Ihre Inge Kloepfer
Kommentar des Tages
Thilo Sarrazin und die Moral
Der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben. Es heißt "Deutschland schafft sich ab". Im Kern wird darin festgestellt, dass intelligente und gebildete Deutsche gerne darauf verzichten, sich das Leben mit Kindern zu beschweren. Unintelligente und ungebildete Einwanderer dagegen gründen Familien. Deshalb, so folgert Sarrazin, wird Deutschland dümmer. Sind das Buch und sein Autor deshalb unmoralisch? [>]
Ein Kommentar von:
Ursula Weidenfeld
www.das-tut-man-nicht.de
Wenn man Mutter wird, kriegt man´s nicht nur mit Kindern, sondern auch mit Vätern zu tun. Und die ganze Gesellschaft kommentiert. Deshalb zucken wir schuldbewusst zusammen, wenn mal wieder im Fernsehen oder in der Zeitung von multiplem Versagen moderner Mütter die Rede ist. Außer den Kindern selbst scheint niemand allzu viel von Müttern zu halten.