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Werte und der gesunde Menschenverstand. Eine Replik
Wenn sich im Laufe der Zeit alle an anderen Werten wie früher orientieren, dann ist das ein Faktum (und Sie beschreiben es). Damit ist auch klar, dass sich die Moral in der Gesellschaft hinsichtlich dieser Werte geändert hat oder noch weiter ändert; denn Moral ist die Gesamtheit aller Werte, Normen und Regeln einer Gruppe oder Gesellschaft. Daraus aber zu folgern, dass wir mit der veränderten, neuen Moral einfach leben müssen und uns offen eingestehen sollten, dass es so ist (in diese Richtung hatte ich Ihren Appell „die Maßstäbe an dem zu orientieren, wie wir jetzt wirklich sind“), halte ich für nicht ungefährlich. Damit könnte man die „normative Kraft des Faktischen“ ganz allgemein legitimieren. Damit würde man sich m.E. aber auch der kritischen Korrektive entledigen, an denen wir die Qualität einer Moral messen (können) – und die liefert uns die Ethik als kritische, wissenschaftliche Reflexion über Werte, Normen und Moral.
Nur mit verallgemeinerbaren und rationalen Argumenten können wir ethisch die (Binnen-) Moral eines Mafia-Clans von der Moral eines Klosterordens abgrenzen und Aussagen treffen, welche Moral die bessere ist. Auch wenn die Ethik sich immer mit Wertewandel in Geschichte und Werte-Unterschieden in den Kulturen zu beschäftigen hat, sie kann dabei nicht allein den Fakten folgen, die menschliches Handeln setzt. Wenn wir von Ihrem Beispiel der Steuerhinterziehung zum Thema aktive Sterbehilfe (Euthanasie) gehen, wird die Problematik in der Zuspitzung m.E. noch deutlicher: Es mag vielleicht in der Tat tragische Ausnahmefälle geben, bei denen es uns menschlich geboten scheint, einem Todkranken das Leiden zu verkürzen und sein Sterben aktiv zu unterstützen. Folgen immer mehr Menschen in einer Gesellschaft diesem Gedanken, wird sich aktive Sterbehilfe im Wertewandel mit der Zeit durchsetzen und verankern. Damit wird der Wert menschlichen Lebens relativiert – wenn auch nur ein kleines bisschen und aufgrund dieser Ausnahmensituation. So wie mit kleinen Tricksereien der Wert, ehrlich all seine Steuern zu bezahlen, relativiert wird / wurde. Und daraus entwickelte sich in Steuerfragen eine Haltung, die im Extremfall zu Skandalen wie der des Herrn Zumwinkel führt. Wohin die Haltung im Fall der Euthanasie führen könnte, mag ich nicht ausmahlen – aus der Sicht der Ethik stelle ich lieber vorher und unmissverständlich klar, dass ich an einem so fundamentalen Wert wie dem menschlichen Leben weder eine Relativierung noch eine allgemeine Haltungsänderung wünschen sollte, und zwar aus der Sicht eines jedes einzelnen Menschen.
Kommentar des Tages
Thilo Sarrazin und die Moral
Der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben. Es heißt "Deutschland schafft sich ab". Im Kern wird darin festgestellt, dass intelligente und gebildete Deutsche gerne darauf verzichten, sich das Leben mit Kindern zu beschweren. Unintelligente und ungebildete Einwanderer dagegen gründen Familien. Deshalb, so folgert Sarrazin, wird Deutschland dümmer. Sind das Buch und sein Autor deshalb unmoralisch? [>]
Ein Kommentar von:
Ursula Weidenfeld
www.das-tut-man-nicht.de