Wenn die Mutter Pflege braucht - und ich nicht einmal hingucken kann

Müssen erwachsene Kinder ihre Eltern pflegen - auch wenn sie einen Widerwillen dagegen haben?

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Ich bin der Einzige, der im Bekannten- und Verwandtenkreis meiner alten Mutter bei Erfordernis für pflegerische Leistungen in Frage käme. Ich habe aber eine tief sitzende Ablehnung dagegen, meine Mutter unangezogen allein schon zu Gesicht zu bekommen. Gehöre ich da in psychotherapeutische Behandlung?

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Von Irmgard Betzler

Irmgard Betzler arbeitet als Psychotherapeutin und Coach in Frankfurt. Sie studierte Psychologie in Konstanz und arbeitete danach in einem Begabtenförderwerk. Betzler verantwortete dort die Bewerberauswahl und organisierte Seminare. Ehrenamtlich entwickelte Irmgard Betzler ein Mentoring-Programm für Frauen.

Als Therapeutin finde ich es schwierig, auf Fragen zu antworten, zu deren Hintergrund ich so wenig weiß. Wenn ich die Frage ernst und die Formulierung wörtlich nehme, dann frage ich mich, ob hier ein Sohn oder eine Tochter spricht. ("Ich bin der Einzige...") Was auch für die alte Mutter einen Unterschied machen kann. Egal ob Sohn oder Tochter: wer eine "tiefsitzende Abneigung" hat, "die Mutter unangezogen allein zu Gesicht zu bekommen", wird die Mutter nicht gut pflegen können, denn das Unbehagen wird sich der Mutter mitteilen.
Muß man bereitwillig und gerne die alte Mutter pflegen wollen? Ich denke nein. Es gilt, die inneren Hürden ernst zu nehmen und zu überlegen, was Sie als Sohn oder Tochter bereit und in der Lage sind, Ihrer pflegebedürftigen Mutter zukommen zu lassen an Nähe, an Gesellschaft, an Fürsorge, z.B. indem Sie für eine gute Pflege sorgen. Wenn Sie jedoch Ihre inneren Hürden nicht akzeptieren können und sich zu einer Pflege zwingen wollen, die weder Ihnen, noch der Mutter gut tun wird, dann könnte es für alle Beteiligten besser sein, wenn Sie für sich rechtzeitig professionelle Unterstützung suchen. Soviel zur Frage: "Gehöre ich da in eine psychotherapeutische Behandlung?"
Also: für gute Pflege sorgen, aber sie sich nicht selbst aufbürden, wenn Sie dazu nicht in der Lage sind. Das tut man nicht

Das kann man tun:.......... 10 Stimme(n)

Das tut man nicht:.......... 2 Stimme(n)

7 Kommentare

Mara: 27.06.2010 - 10:06 Uhr

Ich kann Sie verstehen

Auch ich hätte auch als Tochter ein sehr großes Problem damit, diese gefühlte Grenze der Intimität so derart zu überschreiten. In diesem Fall gibt es jedoch die Möglichkeit, die intime Pflege wie z.B Waschen und ggf. anziehen externen Pflegediensten zu überlassen, das wird auch Ihrer Mutter sicher sehr recht sein. Den Rest wie Unterhaltung, Essen usw. werden Sie sicher gern gemeinsam mit Ihrer Mutter vornehmen. Ich kann Sie sehr gut verstehen und halte Ihre Gefühle für absolut normal.

Helmut: 06.06.2010 - 12:06 Uhr

Verständnis

Meine Eltern leben beide noch und noch geht es ihnen - Gott sei Dank - gut. Sie sind aber auch schon 80 bzw. 78 Jahre, und das Thema einer zukünftigen Pflege beschäftigt mich hier und da auch. Als die Krebserkrankung meiner Frau vor zwei Jahren in ihre letzte und endgültige Phase ging, habe ich für die kurze verbleibende Zeit die Pflege mit einer lieben Freundin (Krankenschwester) übernommen. Das habe ich in Liebe und gerne getan, aber die Intimpflege hat die Freundin übernommen. Meiner Mutter wäre es sehr unangenehm, wenn ich sie nackt sehen oder sogar an den intimsten Stellen anfassen würde. Ihr wäre das sehr schlimm, und für mich wäre es nicht leicht, denn auch ich gehöre zu der Geneartion, die die Eltern eigentlich nie nackt gesehen haben. Das hat abe nichts mit Abscheu zu tun. Ich selbst bin 51 Jahre und habe zwei erwachsene Söhne. Und ganz ehrlich: Obwohl wir unsere Kinder offen erzogen haben, würde ich nicht von ihnen gepflegt, gewaschenm, gewindelt usw. werden wollen. ich habe also volles Verständnis für den Fragesteller. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sowieso nicht die ganze Pflege alleine übernehmen kann. Warum sich also nicht gerade für die intimsten Pflegeleistungen eine Hilfe suchen, und die verbleibende Zeit so entspannt wie möglich in Gesprächen, Gebeten, Spielen oder was auch immer noch möglich ist, um den pflegebedürftigen Angehörigen kümmern, snstatt diesen und sich selbst zu quälen?!

Gockeline: 09.05.2010 - 16:05 Uhr

Mich friert sehr bei den Worten.

Sie sprechen deutlich aus ,was andere denken oder machen ohne es zu erklären oder zu rechtfertigen. Hinter der Aussage ist zu erkennen,was schief lief im Zusammenleben von Mutter und Kind. Wer liebt, fragt nicht wie er aussieht oder ob er Hilfe braucht . Gebe ich die Hilfe oder nicht. Wer liebt,der gibt die Hilfe ohne zu fragen. Hinter der Ablehnung stecken andere Gefühle die nicht benannt werden können. Hinter den Gefühlen zeigt sich , dass Kinder sehr früh ihre Eltern verlassen und das Alter nicht miterleben können. Wenn sie dann Zerfall erleben,erschrecken sie sich. Erinnert es sie an ihre Zeit die auch kommen wird und sie es auch so erleben müßen?

Leandra: 23.04.2010 - 11:04 Uhr

Ein Vorschlag:

Als meine Oma krank und pflegebedürftig gewesen ist, wurde sie selbstverständlich bei uns zuhause betreut. Sie selbst wollte es nicht, daß wir als Angehörige sie waschen, es wäre für sie unerträglich gewesen. Täglich kam eine nette Gemeindeschwester vorbei, zur Hilfe beim Duschen und Baden. Wir haben sie dafür bekocht und betüddelt, Ihr beim Regeln ihrer Angelegenheiten geholfen und mit ihr Canasta gespielt, oder zusammen mit ihr ferngesehen und Kaffee getrunken. Die Körperpflege übernahm eine eine außenstehende Person. Ich bin selbst um die 50, habe Kinder und kann Ihnen garantiert sagen, daß ich es absolut NICHT und NIEMALS wollte, daß meine Söhne oder auch meine Tochter mich später mal waschen oder duschen würden. Das wäre für mich verdrehte Welt und der totale Verlust meiner Würde und Souveränität. Ich meine nicht, daß Sie wegen Ihrem Gefühl einen Therapeuten aufsuchen sollten - ihre Gefühle sind absolut normal, natürlich und gesund. Vielleicht können Sie die Pflege ebenfalls aufteilen in Fremdhilfe und eigene Hilfe. Sie kochen und versorgen Ihre Mutter, die Körperpflege macht ein Pflegedienst, der ins Haus kommt. SO und nicht anders würde ich es mir später wünschen. LG

hans: 23.04.2010 - 09:04 Uhr

Druckfehlerteufel

Ich bin sehr um meine Mutter besorgt ...

hans: 23.04.2010 - 09:04 Uhr

Ergänzung des Fragestellers

Ich merke jetzt, dass einige Aussagen gefehlt haben, die aber wichtig gewesen wären: Ich bin der Sohn. Ich bin sehr um eine Mutter besorgt, ich habe sie sehr gern, ich unterstütze sie in allen anderen Fragen sehr, es ist mir außerordentlich wichtig, dass es ihr gut geht. Als Sohn einer alten Mutter bin ich entsprechend selbst im Rentenalter. In der Zeit meiner Kindheit und Jugend haben es Eltern vermieden, sich ihren Kindern unangezogen zu zeigen. Bei mir war das zumindest so. Vielleicht trägt dies zu der Situation bei. Vielleicht hat es auch mit der unterschiedlichen Geschlechtlichkeit und entsprechenden „Abstoßungsreaktionen“ zur eigenen Mutter zu tun. Mein Vater ist verstorben. Das Verhältnis zu ihm war auf jeden Fall nicht noch besser, als es heute zu meiner Mutter ist. Bei ihm hätte ich heute aber diese mentalen Probleme nicht. Aus diesem Grunde vermute ich, dass es mit dem unterschiedlichen Geschlecht zu tun hat. Damit hier nichts falsch interpretiert wird: ich bin heterosexuell gepolt. Besonders interessiert wäre ich an Kommentaren von älteren Herren und ihr Empfinden in der angesprochenen Angelegenheit.

guvo: 23.04.2010 - 07:04 Uhr

Alles hat zwei Seiten

Müssen - tut man sowieso nicht. Was unter Zwang geschieht kann zu dem nichts werden. Von daher wäre nicht sicher, ob Ihre Mutter tatsächlich die Betreuung und Zuwendung erfährt, auf die Ihre Mutter einen Anspruch hat - nach Ansicht der Gesellschaft. Zuwendung, mehr als das, unumschränkte Verantwortung, Liebe also, lässt sich nicht erzwingen. Einen Menschen nicht zu lieben ist eigentlich nichts Unmenschliches. Es sei denn, dass man generell - nichts - empfindet. Dann hätten Sie tatsächlich ein Problem. Dann wäre Handeln angesagt. Eine Therapie wäre ein möglicher Ansatz. Die Erwartungen an Therapien sollten indes nicht zu hoch angesetzt werden. Das Heilungsrisiko trägt letztlich der Patient. Gewissermaßen ist das Verhältnis zwischen dem Therapeut und dem Patienten ähnlich gelagert, wie zwischen Ihnen und Ihrer Mutter. Er muss Ihnen nicht helfen. Er braucht Sie nicht zu respektieren. Er darf sich nur nichts nachweisen lassen. Ein nach gesetzlichen Vorgaben achtsamer Umgang, das ist alles. Die aller wenigsten Therapeuten unterscheiden, was dem Patienten tatsächlich gut tun würde. Sie haben ihre spezielle Methode, von der sie von sich aus nicht abrücken geschweige denn den Patienten unter Umständen weiter vermitteln. Wenn Sie sonst aber Ihr Empfinden mit der Welt teilen können, dann gäbe es nur das Verhältnis zu Ihrer Mutter, das Ihnen Probleme bereitet. Ob Sie daran arbeiten können, hängt davon ab, wie weit die Beziehung zu Ihrer Mutter sich kitten lässt. Die Ursachen für das lockere Band können einseitig, sie können aber auch zweiseitig begründet sein. Wer weiß? Und dann stellt sich die Frage, in welchem Umfang Sie sich Ihrer Mutter tatsächlich zuwenden können. Auch hier gilt: Alles hängt von mindestens zwei Seiten ab. Womöglich hängt es nicht einmal von Ihrer Kraft sondern nur von den Umständen ab, in wie weit Sie überhaupt in der Lage sind, für eine gute Pflege zu sorgen. Auf Vermittlerwege zumindest. Selbst das ist schon was. Meinen Sie nicht? Ich schon. Es spricht nichts dagegen, einen Therapeuten zu konsultieren. Das Behandlungsrisiko indes nimmt Ihnen wohl kaum jemand ab. Das Interesse dafür, diese Fragen in Ihren Gedanken hin und her zu bewegen spricht in jedem Fall für Ihre Integrität. Das-tut-man.

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10.10.2009

So etwas tut man nicht. Richtig vermisst wird dieser Satz erst, seitdem man ihn nirgends mehr hört: An Fragen mangelt es nicht. Anständig leben wollen viele - aber Leitplanken für ein anständiges Leben zu setzen, sie zu pflegen und stabil zu erhalten, das ist schwieriger geworden. Wer zweifelt, ob ein Vorhaben in Ordnung ist, oder nicht, bekommt immer vorsichtigere Antworten. Je größer das Problem, desto leiser die Replik.

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