Spanienurlaub als Hartz-IV-Empfänger?
Tapetenwechsel für Hartz-IV-Empfänger
Als Hartz-IV-Empfänger ärgere ich mich kolossal über die aktuelle
Debatte. Immer wird so getan, als wären Langzeitarbeitslose eine
kollektive Truppe von Faulpelzen, die am liebsten den ganzen Tag
herumlungern, fernsehen und ihre Kinder vernachlässigen. Ich bin
gebildet, aber schwerbehindert und empfinde das umgekehrt. Nicht ich
kopple mich von der Gesellschaft ab, die Gesellschaft tut es von mir.
Sie stigmatisiert mich, sie gewährt mir keinen Zugang zu kulturellen
Veranstaltungen (zu teuer), verdrängt mich aus meinem sozialen
Umfeld (ich musste umziehen) und aus dem öffentlichen Raum. Ständig
sitze ich zu Hause. Jetzt hat mir mein Bruder angeboten, bis zum
Frühjahr in seinem Haus in Spanien zu wohnen. Kann ich das machen –
oder muss ich dann damit rechnen, auch noch in die unterste
Hartz-IV-Ausbeuter-Gruppe herabdenunziert zu werden?
Von Stephan Leibfried
Stephan Leibfried ist Soziologe und Professor an der Universität Bremen. Er ist Professor am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen und leitet den Sonderforschunngsbereich "Staatlichkeit im Wandel". Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und arbeitet in verschiedenen Zukunftskommissionen, zum Beispiel bei der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der Deutschen Bischofskonferenz, mit.
Ich kann Ihnen leider nicht sagen, ob Sie das als Hartz-IV Empfänger so ohne weiteres dürfen, das müssten Sie mit Ihrem Sachbearbeiter klären, inwieweit Sie da in Deutschland in regelmäßigen Abständen präsent sein müssen. Da Sie schwerbehindert sind, ist das vielleicht nicht erforderlich, aber das lässt sich aus der Ferne nicht beurteilen.
Aber ansonsten würde ich Ihnen einige Monate außerhalb unserer Eiseskälte schon gerne wünschen! Erwärmen dafür kann ich mich also jederzeit, zumal sie das vielleicht wieder mitten in ein Umfeld und eine Erfahrung hinein bringt, die sie hier in Deutschland eher vermissen.
(Achten Sie allerdings darauf, wie Sie da unten krankenversichert sind.
Das klappt nicht immer so reibungslos mit der Übertragung der
Krankenkassenansprüche.)
Eine Gesellschaft, die sich selbst in der Krise und auch in einer Sackgasse sieht, neigt leichter zu Stereotypen und negativen Zuschreibungen als eine, die eine längere Strecke Wirtschaftswunder hinter sich hatte und dachte, es ginge immer so weiter. Von daher leben wir jetzt in ungünstigeren Zeiten. Der Bedarf für Vorurteile ist sehr hoch.
Also erkundigen Sie sich bei Ihrem Sachbearbeiter und reisen Sie dann!
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