Spanienurlaub als Hartz-IV-Empfänger?

Tapetenwechsel für Hartz-IV-Empfänger

aboutpixel/Jacques Köhler

Als Hartz-IV-Empfänger ärgere ich mich kolossal über die aktuelle
Debatte. Immer wird so getan, als wären Langzeitarbeitslose eine
kollektive Truppe von Faulpelzen, die am liebsten den ganzen Tag
herumlungern, fernsehen und ihre Kinder vernachlässigen. Ich bin
gebildet, aber schwerbehindert und empfinde das umgekehrt. Nicht ich
kopple mich von der Gesellschaft ab, die Gesellschaft tut es von mir.
Sie stigmatisiert mich, sie gewährt mir keinen Zugang zu kulturellen
Veranstaltungen (zu teuer), verdrängt mich aus meinem sozialen
Umfeld (ich musste umziehen) und aus dem öffentlichen Raum. Ständig
sitze ich zu Hause. Jetzt hat mir mein Bruder angeboten, bis zum
Frühjahr in seinem Haus in Spanien zu wohnen. Kann ich das machen –
oder muss ich dann damit rechnen, auch noch in die unterste
Hartz-IV-Ausbeuter-Gruppe herabdenunziert zu werden?

leibfried_klein.jpg

Von Stephan Leibfried

Stephan Leibfried ist Soziologe und Professor an der Universität Bremen. Er ist Professor am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen und leitet den Sonderforschunngsbereich "Staatlichkeit im Wandel". Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) und arbeitet in verschiedenen Zukunftskommissionen, zum Beispiel bei der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der Deutschen Bischofskonferenz, mit.


Ich kann Ihnen leider nicht sagen, ob Sie das als Hartz-IV Empfänger so ohne weiteres dürfen, das müssten Sie mit Ihrem Sachbearbeiter klären, inwieweit Sie da in Deutschland in regelmäßigen Abständen präsent sein müssen. Da Sie schwerbehindert sind, ist das vielleicht nicht erforderlich, aber das lässt sich aus der Ferne nicht beurteilen. Aber ansonsten würde ich Ihnen einige Monate außerhalb unserer Eiseskälte schon gerne wünschen! Erwärmen dafür kann ich mich also jederzeit, zumal sie das vielleicht wieder mitten in ein Umfeld und eine Erfahrung hinein bringt, die sie hier in Deutschland eher vermissen.
(Achten Sie allerdings darauf, wie Sie da unten krankenversichert sind.
Das klappt nicht immer so reibungslos mit der Übertragung der
Krankenkassenansprüche.) Eine Gesellschaft, die sich selbst in der Krise und auch in einer Sackgasse sieht, neigt leichter zu Stereotypen und negativen Zuschreibungen als eine, die eine längere Strecke Wirtschaftswunder hinter sich hatte und dachte, es ginge immer so weiter. Von daher leben wir jetzt in ungünstigeren Zeiten. Der Bedarf für Vorurteile ist sehr hoch. Also erkundigen Sie sich bei Ihrem Sachbearbeiter und reisen Sie dann! Das kann man tun

Das kann man tun:.......... 1 Stimme(n)

Das tut man nicht:.......... 1 Stimme(n)

2 Kommentare

Hans Meister: 11.05.2010 - 09:05 Uhr

Ich trage diese Gesellschaft

"Die Gesellschaft trägt Sie. Die Bevölkerungsgruppe der Gesellschaft, die von Hartz-IV-Leistungen leben und sich um weitere Verbesserung bemühen trägt Sie. " Jedesmal wenn ich sowas lese kommt mir das kotzen. Von welcher Gesellschaft redet der Schreiber eigentlich? Jene die Billiglöhne zahlen, Menschen arbeitslos machen um sie anschliessend als Faulenzer abzustempeln und in Zwangsarbeit zu schicken, die aber feste die Hand aufhalten wenns um Rettungspaket geht? Als DDR-Bürger war ich nach 45 Jahren DDR nur um 12.000 DM Staatsschulden verschuldet, heute 20 Jahre später lasten über 20.000 Euro Bundesschulden auf mich und da ist das neuste Milliardenschwere Euro-Rettungspaket noch nichtmal dabei. Aber was solls, um den Euro oder Banken oder sonstwem zu retten, wem interessieren da noch Menschen oder Schicksale. 7 Tage brauchten sie um Milliarden den Banken in den Hintern zu schieben, 7 Jahre braucht sie dagegen um auch nur einem Armen einen Pfennig mehr zu geben. Diese Bundesregierung hat also bei mir 16.000 Euro Schulden zzgl. der Enteignung des Volksvermögens der DDR, das heisst Bahnstrecke, Busse, Land, Bodenschätze, Wasser, Wälder usw. Sie vergiftet meine Heimat mit ihrem Gift- und Genmüll und benutzt die Steuern um es den Banken in den Arsch zu schieben. Nicht diese Gesellschaft trägt mich, sondern ich trage diese Marionetten-Regierung der Reichen. Wir alle tragen diese Lobby-Regierung mit unseren Steuern, die auch Hartz IV-Menschen mit jedem gekauften Artikel bezahlen. Jedem von uns sollte mehr zustehen und es ist bezeichnend das man Opfer (Arbeitssuchende) zu Tätern (Faulenzern) erklärt, um von den wahren Ursachen, den Finanzspekulanten, Heuschrecken-Wanderunternehmen und ihren politischen Strohpuppen abzulenken. Und ich wette jetzt schon, das diese Antwort zensiert wird.

guvo: 09.02.2010 - 08:02 Uhr

Ein feiner Zug

"Nicht ich kopple mich von der Gesellschaft ab, die Gesellschaft tut es von mir." Perspektiven setzenvoraus, die sogenannten Dinge zu erst einmal von anderer Seite aus zu sehen. Die neue Sichtweise sollte dann aber auch jeden denkbaren Widerspruch dazu möglichst ausschließen. Das misslingt, wenn man abweichende Meinungen z.B. darauf, was stigmatisierend oder was ausgrenzend ist, nicht zulässt. Die wäre: Die Gesellschaft trägt Sie. Die Bevölkerungsgruppe der Gesellschaft, die von Hartz-IV-Leistungen leben und sich um weitere Verbesserung bemühen trägt Sie. Handeln Sie nicht dagegen, in dem Sie pauschal zwischen Menschen unterscheiden, die aus eigener Schuld oder unverschuldet auf der sozialen Leiter abgerutscht sind (Faulenzer und Schwerbehinderte). Erheben Sie Bildung nicht zu einem Privileg, das Sie von anderen abhebt (erinnert mich an jemanden, den ich hier schon einmal gelesen habe). Berücksichtigen Sie, ob die Umstände ursächlich vielleicht ganz profan sind. Gesetzesvorgaben, die das Ermessen der Behörden begrenzen? Sind Sie jedenfalls mobil genug, um jederzeit wieder zurück zu können? Können wenigstens Sie sicherstellen, dass Sie während der Zeit Ihres Aufenthaltes in Spanien erreichbar sind? Ihr erster Wohnsitz muss ja versorgt bleiben. Selbstverständlich wird manch einer kein Verständnis haben. Das sind die eigentlichen, die wirklich stigmatisieren und ausgrenzen. Für Sie sollte das aber unerheblich sein. Übrigens, einen feinen Zug finde ich das von Ihrem Bruder. Daher: Kann-man-tun.

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