Wieviel Loyalität schulde ich dem Unternehmen - und wieviel mir selbst

Müssen wir Älteren im Betrieb schweigen?

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Ich gehöre zu den wenigen älteren Managern, die in meiner Firma noch an Bord sind. Den Ton geben schon lange die Jüngeren an. Jetzt ist eine umfangreiche Restrukturierung geplant, die wir genau mit derselben Begründung genau so vor zehn Jahren schon gemacht und dann wieder rückgängig gemacht haben. Ich glaube nicht, dass es diesmal gut geht. Aber meine Kollegen argumentieren, dass wir etwas tun müssen. Ich gelte als Bremser, weil ich das Thema auch gegenüber Mitarbeitern offen diskutiert habe. Bin ich illoyal, wenn ich meine Bedenken auch außerhalb des Führungskreises diskutiere?

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Von Nils Ole Oermann

Nils Ole Oermann ist einer der jüngsten - und schon bekanntesten - Ethikexperten in Deutschland. Er ist Vizepräsident und Professor für Nachhaltigkeitsethik an der Leuphana Universität Lündeburg.
Das Fachgebiet des evangelischen Pastors an der Berliner Kreuzkirchengemeinde und Direktors des "Program on Religion, Politics and Economics" an der Humboldt-Universität ist die soziale Marktwirtschaft. Der langjährige Mitarbeiter von Ex-Bundespräsident Horst Köhler und Berater des früheren Bundesinnenministers und heutigen Finanzministers Wolfgang Schäuble hat das Buch "Anständig Geld verdienen" geschrieben.

Lieber Herr X,
bereits Ihre Beschreibung des Sachverhalts macht ein Problem deutlich, dass die Entstehung vieler ethischer Dilemmata erklärt. Denn bei der Schilderung Ihres Problems trennen Sie nicht hinreichend zwischen Sachverhalt und Wertung: Was genau verbirgt sich inhaltlich hinter der geplanten „Restrukturierung“ und was genau sind die Kriterien Ihrer Einschätzung, dass diese auch diesmal „nicht gut geht“?  
Ihr Grundproblem scheint doch, ob Sie nach außen über Firmeninterna sprechen dürfen. Juristisch gesehen wird dazu Ihr Arbeitsvertrag relativ klare Vereinbarungen treffen, die Sie mit Ihrer Unterschrift akzeptiert haben. Und wie schon die Römer wussten: Pacta sunt servanda, Verträge sind zu erfüllen.
Aber das allein beantwortet natürlich Ihre Frage noch nicht. Denn anders lägen die Dinge, wenn Sie ein whistleblower wären, d. h. wenn die anstehende Restrukturierung für Ihre Kollegen so gravierende Konsequenzen hätte und Ihr Unternehmen in eine solche Schieflage bringen könnte, dass Sie sich trotz vertraglicher Verpflichtungen in der moralischen Pflicht sähen, nicht nur im internen Führungskreis, sondern auch extern Ihre warnende Stimme zu erheben.
Illoyal wären Sie dann, wenn Sie aus einer allgemeinen Frustration heraus der Firmenleitung durch das „Durchstechen“ von Informationen oder anderen Formen übler Nachrede in den Rücken fallen würden. Wenn jedoch das Wohl Ihrer Firma auf dem Spiel steht, wäre es genauso unverantwortlich, Ihre Bedenken nicht zu thematisieren. Ob Ersteres oder Letzteres der Fall ist, hängt von der Sachverhaltsanalyse und Ihrer daraus folgenden Wertung ab. Analyse und Wertung laufen in Ihrer Sachverhaltsschilderung aber ineinander:
Eine Restrukturierung vor 10 Jahren wird doch anders verlaufen sein und in einem anderen Geschäftsumfeld vollzogen worden sein als die jetzige. Wie unterscheidet sich der Sachverhalt damals von der aktuellen Situation? Oder ist das Problem vielmehr, dass Sie als mittlerweile 10 Jahre älterer Arbeitnehmer Ihre Firma insgesamt kritischer sehen als vor einem Jahrzehnt – ob nun zu Recht oder zu Unrecht? Und haben Sie alle Möglichkeiten ausgeschöpft, Ihren jetzigen Bedenken intern Gehör zu verschaffen?
All dies bleibt offen, so dass auch meine Antwort auf Ihre Frage am Ende keine abschließende sein kann. Darum an dieser Stelle nur so viel: „Loyalität“ übersetzt aus dem Französischen bedeutet „Treue“ oder „Zuverlässigkeit“. Sie sollten darum zunächst für sich selbst klären, was die Kriterien dieser Treue sind: Gegenüber Ihrer Firma, gegenüber Ihren Kollegen und vor allem auch mit Blick auf Sie selbst. Bleiben Sie sich treu! Das tut man nicht

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