Was kostet Haltung?

Ist ein klitzekeiner Versicherungsbetrug eine ganze Freundschaft wert?

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Mein Sohn war zum Spielen bei einem Freund, eine Fensterscheibe ging zu Bruch. Paul schwört, er sei es nicht gewesen. Doch die Eltern seines Freundes haben mir nahegelegt „die Sache“ über unsere Haftpflichtversicherung zu regeln. Ich habe gesagt „Das tut man nicht“ und habe mich geweigert. Sie haben gesagt „Das tut jeder“. Daraufhin ist der Kontakt zwischen unseren Familien deutlich kühler geworden. Es geht mir gar nicht darum, ob ich richtig oder falsch gehandelt habe. Ich frage mich nur, ob es das wert ist: Wenn ich der Einzige bin, der die Versicherung nicht in Anspruch nimmt – ist es dann richtig, dafür die Freundschaft des  besten Freundes des eigenen Sohnes und dessen Eltern aufs Spiel zu setzen?

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Von Birger Priddat

Birger Priddat lehrt politische Ökonomie an der Universität Witten Herdecke und an der Zeppelin University in Friedrichshafen. Er beschäftigt sich in zahlreichen Gremien mit dem Zusammenhalt von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und veröffentlichte Bücher zu diesem Themengebiet. 2007 und 2008 war er Präsident der Universität Witten Herdecke.

Wir wissen, daß viele Mitmenschen Versicherungsbetrug für ein Kavaliersdelikt halten. Weil viele so denken, erhöhen sich die Versicherungsprämien, denn diese nicht wirklichen Schadensfälle müssen ja mit eingerechnet werden in das Auszahlungskalkül der Versicherungen. Indem wir uns alle so verhalten, schaden wir uns alle gemeinsam (durch höhere Versicherungspreise). Nun so zu tun, als ob man individuell die Versicherung ausnutzen kann, weil alle anderen ja dafür zahlen (obwohl man eigentlich nicht berechtigt ist), ist eine Art von parasitärem Eigennutz. Deswegen ist die Haltung, die Versicherung nicht zu belasten, vernünftig (im Sinne einer nachhaltigen Aufrechterhaltung relativ kostengünstigen Versicherungsschutzes).

Wir haben dieses Problem ja auch in anderen Bereichen: beim Steuerbetrug, bei leichten Autounfällen, bei der Schwarzarbeit. bei fahrlässigen Krankschreibungen usw. Die Gesellschaft hat sich angewöhnt, Dinge zu tun, die die Allgemeinheit, d..h die anderen schädigen, tut aber so, als ob alle Vorteile dabei hätten. Weil alle es tun, ist es ja nicht legitimiert,sondern summiert sich nur zu beträchlichen Schadenshöhen, die alle wiederum bezahlen müssen. Hier setzt anscheinend die Vernunft aus. Wir können doch nicht so tun, als ob die Versicherungen das lässig aus derTasche bezahlen, und auf der anderen Seite laut darüber klagen, daß alles teurer wird.

Wenn nun daran die Freundschaft zerbricht, ist es eine kleine Tragödie. Man könnte erwägen, ob der Nutzen der Freundschaft nicht höher wäre als der Versicherungsbetrug. Aber welche Haltung zeigen wir dann unseren Kindern: daß Betrug, d.h. privater Vorteil, gut ist? Was lernen die Kinder daraus? daß es gleichgültig ist, wenn Eigentum zerstört wird (weil man ja dagegen versichert ist)? Solche Fragen müssten untereinander geklärt wären: Fragen der Vorbildhaftigkeit in der Erziehung. Auch mit den anderen Eltern. Wir müssen den Kindern die Regeln vorleben, an die zu erhalten wir sie im Prinzip erziehen. Sas ist kein moralisches Argument, sondern eines der angemessenen Erziehung. Man könnte erwidern, daß die Freundschaft doch auch ein hoher Wert ist. Aber sie muß ja gerade solche Konflikte auch klären können, statt nur auch Nachsicht oder Nachlässigkeit zu bauen. was ist das für eine Freundschaft, die vom anderen Komplizenschaft im Betrug verlangt? Klar, daß die andere Familie das nicht so sieht? Aber wäre es nicht richtig, ihr die eigne Haltung zu erläutern, damit sie die Chance hat, einzusehen, was sie anrichtet?

Und das oben bereits genannte Argument. Man kann sagen: Ich möchte nicht, daß andere sich so verhalten, daß ich höhere Versicherungsprämien zahlen muß (nur weil sich andere nicht an die Regeln halten). das ist auch kein moralisches Argument, sondern eines des vernünftigen Eigenintersses. Vernünftig heisst hier, daß man bei seinem eigenen Vorteil auch immer den der anderen im Auge hat. Es geht um gemeinsamen Vorteil. Das wiederum ist eine angemessene, moderne Moral.

Trotzdem ist das Problem damit nicht gelöst. die Frage der Freundschaft. Ich würde so raten: die eigne Haltung darf man nicht aufgeben, wenn man von ihr überzeugt ist. Aber pragmatisch kann man so reagieren: Die Scheibe aus eigenem Geld privat bezahlen, nicht über die Versicherung. Wenn einem die Freundschaft soviel Wert ist, muß man eben zahlen. Man muß das Problem auf einer anderen Ebene lösen, um nicht Prinzipen gegen Freundschaft austauschen zu müssen. Das wären dilemmatische, unglückliche Lösungen. Außerdem beschämt man die anderen vielleicht: nicht durch Argumente, sondern durch die Tat. Durch die Zahlung aus eigener Tasche zeigt man, daß einem die Freudnschaft etwas wert ist, aber auch die eigene Haltung.

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